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Gemeinsam über die Pisten: Sella Ronda

Wie Skiabfahrten in Gruppen auf der Seiser Alm und der Sella Ronda in Italien helfen, Ängste und Grenzen zu überwinden

In eigener Sache

Eigentlich ist der Winter nicht so mein Ding. Es ist kalt, schnell dunkel, die Leute sind oft nicht gut drauf, und vieles von dem, was richtig schön ist, kann man einfach nicht machen: Standup Paddling, Rennrad fahren, im T-Shirt draußen sitzen. Doch nach 15 Jahren Pause gab es letzes Jahr den Wiedereinstieg in den Skisport, und dieser war und ist nicht nur sportlich, sondern vor allem auch psychologisch sehr bereichern. 

Denn der Winterurlaub in den Bergen bietet nicht nur eine beeindruckende Kulisse und physische Herausforderungen, sondern kann auch ein tiefgreifendes, gruppenpsychologisch bereicherndes Erlebnis sein. Insbesondere das Gruppenerlebnis beim Skiabfahren auf der Seiser Alm oder der berühmten Sella Ronda in Italien bietet eine einzigartige Gelegenheit, persönliche Ängste und Grenzen zu überwinden. Doch wie funktioniert das genau? In diesem Artikel sollen wichtige psychologische Konzepte einmal ganz praktischerklärt werden.

Die Kraft der Gruppendynamik

Gruppendynamik spielt eine entscheidende Rolle bei der Überwindung von Ängsten und Grenzen. Denn spätestenswenn man am Abhang zur schwarzen Piste steht, schlägt der Puls deutlich höher. Die Theorie der sozialen Identität besagt, dass Individuen Teile ihrer Identität aus den Gruppen ableiten, zu denen sie gehören. Beim Skifahren in einer Gruppe auf der Seiser Alm oder der Sella Ronda fühlen sich Teilnehmer oft als Teil einer Gemeinschaft. Es bin nicht ich, der fährt, sondern es sind wir, die fahren. Diese Zugehörigkeit kann das Selbstvertrauen stärken und Ängste reduzieren, da das Individuum sich von der Unterstützung und Ermutigung der Gruppe getragen fühlt. Das Abklatschen mit den Stöckern, wenn eine schwierige Passage geschafft wurde, der gemeinsame Beschluss, etwas wirklich durchzuziehen, aber natürlich auch das Warten, falls irgendwer hinterherhinkt, gehört dazu. Gleichzeitig will man ja die Gruppe auch nicht im Stich und allzu lange warten lassen, so dass natürlich auch ein internalisierter sozialer Druck zur Gruppendynamik mit dazu gehört. 

Das Konzept der kollektiven Selbstwirksamkeit

Selbstwirksamkeit bezieht sich auf den Glauben einer Person an ihre Fähigkeit, bestimmte Handlungen erfolgreich auszuführen. Es ist der Glaube daran, dass man das, was man sich vornimmt, auch wirklich schaffen wird. Selbstwirksamkeit ist eine absolute Ressource und hat keinerlei psychologische Nachteile. Kollektive Selbstwirksamkeit geht noch einen Schritt weiter und bezeichnet den gemeinsamen Glauben einer Gruppe an ihre kollektive Fähigkeit, Herausforderungen zu meistern. Beim gemeinsamen Skifahren erleben Gruppenmitglieder oft, wie sie gemeinsam Herausforderungen überwinden, was das Gefühl der kollektiven Selbstwirksamkeit stärkt. Dieses gestärkte Vertrauen kann dazu beitragen, individuelle Ängste vor der Abfahrt oder vor schwierigen Pisten zu überwinden.Denn wenn die anderen es geschafft haben, wird man es doch auch schaffen. Wenn jemand vor einem fährt und eine Piste zieht, dann gehen auch Sachen, die gefühlt vorher nicht möglich waren. Selbstwirksamkeit ist schon individuell super, und psychisch sehr gesund. Kollektive Selbstwirksamkeit ist noch besser!

Modelllernen und soziale Vergleiche

Die Theorie des Modelllernens, vorgeschlagen von Albert Bandura, erklärt, wie Menschen durch die Beobachtung anderer lernen. Beim Skifahren in Gruppen können Teilnehmer von erfahreneren Skifahrern lernen, indem sie deren Techniken beobachten und imitieren. Dies hilft nicht nur, die eigene Technik zu verbessern, sondern kann auch Ängste abbauen, indem es zeigt, dass bestimmte Herausforderungen bewältigbar sind. Es gibt ja immer auch Leute in der Gruppe, die einen deutlichen Erfahrungsvorsprung haben, und von denen sich dann die Stock-Technik, die Telemark-Technik und vieles Weitere direkt auf der Piste lernen lässt. Zudem kann man ja aucheinfach zuschauen, wie andere fahren.

Soziale Vergleiche spielen ebenfalls eine Rolle. Individuen vergleichen ihre Leistungen und Fähigkeiten mit denen anderer. In einer unterstützenden Gruppe kann dieser Vergleich motivierend wirken und das Selbstwertgefühl steigern, was wiederum hilft, Ängste zu überwinden. Man möchte so gut sein, wie die anderen, auch wenn man noch etwas unerfahrenes ist. Wenn das dann auch noch eine entsprechende Wertschätzung der Gruppe gibt, motiviert das total. Zudem, auch wenn es nicht schön ist: man kann sich immer auch mit anderen vergleichen, die langsamer, rücksichtsloser, oder unbeholfener die Strecke herunterfahren, und sich dadurch sowohl individuell, als auch als Gruppe aufwerten.

Die Rolle von Stress und Adrenalin

Das Skifahren, insbesondere in anspruchsvollem Gelände wie der Sella Ronda, kann stressig sein und Adrenalin freisetzen. Interessanterweise kann dieser Stress, wenn er in einem unterstützenden Gruppenkontext erlebt wird, positive Auswirkungen haben. Die positiven Aspekte des Stresses, oft als ‚Eustress‘ bezeichnet, können die Konzentration schärfen und die Leistung verbessern. Darüber hinaus kann das Überwinden von herausfordernden Pisten in einer Gruppe ein Gefühl des gemeinsamen Erfolgs und der Zufriedenheit schaffen. Es wird also der Leistungsstolz deutlich erhöht. Dieser Eustress ist auch wichtig, für die Stimulation des Leistungsmotivs. Denn gerade wenn man sich als Gruppe etwas vorgenommen hat, dann möchte man dies ja auch tatsächlich schaffen, und ist umso stolzer, wenn das auch gelang. Gerade wenn es zwischendurch auch Phasen von Sichtweisen unter 50 Metern, hügeligen Pisten und anderen Widrigkeiten gab, die allerdings gemeinsam gemeistert wurden. Genau dieses Gemeistert-haben, gepaart mit dem Gefühl von Selbstwirksamkeit, erweitert persönliche Grenzen und baut bestehende Ängste ab.

Das Anschlussmotiv im Lift und nach der Piste

Zwischen den Fahrten ist einerseits die körperliche Entspannung zentral. Vor allem aber besteht die Gelegenheit zum Austausch, was wiederum das Anschlussmotiv in besonderen Maße bedient. Man hat richtig Zeit zum Quatschen, tauscht sich auch persönlich aus, lässt das Skierlebnis gemeinsam nachwirken, und pflegt Freundschaften. Vor allem hat man auch geteilte Erlebnisse, die dann wiederum im Erfahrungsschatz der Gruppe verbleiben. Insbesondere abends, wenn der Tag ausklingt, haben die Gespräche viel Tiefgang und Würze, und der gesellige Teil in uns findet, im Wortsinne, Anschluss. Hier auch einmal offen darüber sprechen zu können, dass die eine oder andere Abfahrt nicht ohne oder gar mit Ängsten verbunden war, sorgt vor allem dann, wenn es anderen auch so ging, sogar für einen sozialen Erleichterungseffekt.

Zusammenfassung

Die psychologischen Vorteile des Gruppenskifahrens, insbesondere in beeindruckenden Landschaften wie der Seiser Alm und der Sella Ronda in Italien, sind also weitreichend. Durch die Nutzung von Gruppendynamik, kollektiver Selbstwirksamkeit, Modelllernen und dem Umgang mit Stress und Adrenalin sowie die zeitgleiche Stimulation des Leistungsmotivs und des Anschlussmotivs bietet das Skifahren in Gruppen eine einzigartige Plattform für Individuen, um persönliche Ängste und Grenzen zu überwinden. Es ist diese Kombination aus sportlicher Herausforderung, atemberaubender Natur, Gruppendynamikund psychologischer Wirkung, die das Skifahren in diesen Regionen zu einem besonderen Erlebnis gemacht hat, das ich uneingeschränkt weiterempfehlen kann. Ein großer Dank geht an alle Beteiligten, insbesondere den Organisator Henrik Maedler.