Von den Erlebnissen eines Chefjurors beim Debattieren – Der Bodden-Cup in Greifswald

Proömium – Das Debattieren an sich

Das Debattieren war und ist für mich biographisch prägend. Auf das Debattieren aufmerksam geworden im Jahre 2006 durch eine Schaudebatte im Brandenburger Landtag, war ich fortan Mitglied des Potsdamer Debattierklubs Wortgefechte Potsdam.

Nachdem es beim zweiten Turnier 2008 bei den ostdeutschen Meisterschaften in Jena schon fast zum Titel reichte, wurde zunächst viel rhetorisches Lehrgeld gezahlt. Die großen Erfolge kamen dann später. 2011 ostdeutscher Meister und Sieger der Kiew Open, 2014 Sieger der Bielefelder Religions- und Glaubensdebatten, bester Redner beim Geschichtsturnier Marburg 2014, Halbfinalbreak bei der Weltmeisterschaft 2014/2015 in Kuala Lumpur und schließlich der Titel des deutschen Vizemeisters im Schloss von Münster im Juli 2015: Das Debattieren hat geprägt und geformt. Es war eine rhetorische Ausbildung par excellence, eine, die dem ciceronischen Ideal des orator perfectus, des vollkommen gebildeten und sprechfähigen Redners, durchaus nahekommt.

Das Debattieren entstand ursprünglich in England und gehört dort heute zur Standardausbildung von Politikerinnen und Politikern. Vom angloamerikanischen Raum aus verbreitete es sich in die ganze Welt, weshalb es jetzt seit Jahrzehnten bereits Weltmeisterschaften gibt (bei denen meistens australische Teams gewonnen haben). Das Debattieren weist ein klares Regelwerk auf und unterscheidet zwei Formate: das international gebräuchliche British Parliamentary Style (BPS) und die maßgeblich in Tübingen entwickelte Offene Parlamentarische Debatte (OPD), welche im deutschsprachigen Raum verbreitet ist. In dieser werden fünf rhetorische Einzelkategorien für Rednerinnen und Redner bewertet.

Auftreten: Wie ist das Erscheinungsbild? Ist eine klare, unterstreichende Gestik erkennbar? Wird Sicherheit ausgestrahlt?

Sprachkraft: Wird eine lebendige und abwechslungsreiche Sprache verwendet? Werden sprachliche Bilder eingesetzt? Hört das Publikum der redenden Person gern zu?

Sachverstand: Hat die Person gute Kenntnisse des jeweiligen Themas? Ist eine breite Wissensbasis vorhanden? (Die Bewertung dessen hängt stark von den Kenntnissen der Juror*innen ab!)

Urteilskraft: Ist die Argumentation in sich logisch konsistent? Wird viel Zeit auf wesentliches verwendet, möglichst wenig hingegen für Nebenschauplätze?

Kontaktfähigkeit: Wird sich effektiv mit den anderen Debattenteilnehmenden auseinandergesetzt, insbesondere mit Zwischenfragen und Zwischenrufen?

Daraus ergibt sich dann die Bewertung der einzelnen Rednerinnen und Redner. Hinzu kommen Teamkategorien, wobei alles dann bepunktet und zusammen addiert wird, woraus sich dann die Bewertung ergibt. Im British Parliamentary Style zählen hingegen die Qualität und Quantität der Argumente, die analytische Konsistenz und Tielfe sowie die Basiertheit der Argumentation auf relevanten Prinzipien.

Insgesamt stellt das Debattieren also eine anspruchsvolle, formalisierte und breit institutionalisierte rhetorische Methode dar, welche als die oratorische Schule schlechthin bezeichnet werden kann.

Vom Redner zum Juror

Zu einer Debatte gehören Rednerinnen und Redner sowie Jurorinnen und Juroren. Dabei ist es guter Usus, dass diejenigen, die als Rednerinnen und Redner reüssierten, sich nach bzw. schon während ihrer Rednerlaufbahn als Juroren betätigen. Allerdings: genau wie nicht jeder Fußballtrainer ein hervorragender Fußballer gewesen sein muß, so muss auch nicht jede*r Juror*in vorher erfolgreich als Redner*in gewesen sein.

In der Rolle des Redners waren mir häufig die Entscheidungen der Jury unklar. Dabei galt die subjektive Faustregel: je länger die Beratung, umso weniger nachvollziehbarer das Ergebnis. Der psychologische Mechanismus des Groupthink, welches besagt, dass bei ähnlichen kognitiven Ausgangspunkten eine Radikalisierung der Gruppenmeinung erfolgt, kann hier als partielle Erklärung dienen.

Das erste Turnier als Juror (Chefjuror beim Potsdam Punk, einem Spaßturnier meines eigenen Debattierclubs) war daher ein besonderes Erlebnis. Als Juror ist mensch die ganze Zeit aufmerksam, versucht sich nicht von Erwartungen leiten zu lassen (was nicht immer gelingt) und ist durchaus nervös bei der ersten Verkündung und Erklärung der Ergebnisse vor den Teams.

Vor allem aber schafft das Jurieren nach einer rednerischen Laufbahn eine nochmalige Schärfung des Debattenbewusstseins: Was waren die zentralen Streitpunkte? Welche Argumente haben welche anderen wirklich effektiv angegriffen? War die Mechanik oder Tektonik der Argumente eines Teams wirklich stichhaltig?

Dann die Diskussion mit den anderen Juror*innen, die stets im Spannungsfeld von breiter Partizipation und zeitlicher Effizienz stattfindet. Die Auswertung, das wurde mir klar, ist noch einmal eine Debatte nach der Debatte. Und sie ist manchmal tatsächlich eine mikropolitische Angelegenheit. Im Nachhinein hätte ich mehr juriert, statt jahrelang nur zu reden, und kann dies aufstrebenden Rednerinnen und Rednern nur wärmstens empfehlen.

Die Vorbereitung, oder: Wenn Chefjuroren skypen

Jeder Debattierklub, der ein Turnier ausrichtet, bestimmt hierfür die jeweilige Chefjury. Der Greifswalder Debattierklub entschied sich für seinen Bodden-Cup 2017 für das Chefjurorenpanel Robert Pietsch (Potsdam, deutscher Vizemeister 2015), Lennart Lokstein (Tübingen, deutscher Meister 2016) und mich. Leider fand sich keine Chefjurorin.

Der Aufwand, gute Themen für ein Turnier zu setzen, wird völlig unterschätzt. Auch mir war bis zum ersten Einsatz als Chefjuror nicht klar, wie viel geistige Arbeit in der Themensetzung steckt. Insgesamt fünf Mal haben wir drei geskypt und Themen durchexerziert. Denn sie sollen zum einen ausbalanciert sein (das heißt für pro und contra etwa dasselbe argumentative Material bereithalten), relevante politische oder gesellschaftliche Diskussionen aufgreifen und innerhalb des Debattierens (in der Community auch bekannt als „Debateland“) möglichst neu sein. Was hiervon den einzelnen Chefjuror*innen wichtig ist, unterscheidet sich durchaus. Daraus ergibt sich, dass knapp 30 Themen besprochen und analysiert wurden und insgesamt mehr als 10 Zeitstunden, aufgeteilt auf die Skype-Sessions und das letzte Zusammensitzen am Freitag Abend genutzt wurden, um die Themen für ein Turnier zu bestimmen. Insbesondere bei Skype findet eine intellektuell sehr erregende, manchmal aber durchaus detailexegetische und damit ermüdende Auseinandersetzung mit Themen statt, die intensiver ist als jede mögliche Bundestagsdebatte (an dieser Stelle ein großes Dankeschön an Robert und Lennart!). Auch bei den Themensetzung gibt es individuell sehr unterschiedliche Präferenzen, welche das Panel dann in Einklang bringen muss. Schon diese Debatten sind manchmal spannender als die späteren, eigentlichen Debatten. Vor allem setzt nach getaner Themensetzung eine gespannte Vorfreude ein: Werden die Debatten funktionieren? Haben wir die Debattenverläufe gut antizipiert? Wenn dann die Debatte einsetzt von Themen, die mensch sich gemeinsam erdacht hat, ist dies manchmal so, als würde ein Kunstwerk aus den eigenen Ideen realisiert werden.

Das Turnier und sein Spirit

Jedes Turnier ist anders. Das Turnier in Greifswald war auf jeden Fall durch Herzlichkeit und Leidenschaft für die Sache gekennzeichnet, und es hatte durch die Küstennähe auch irgendwie eine besondere Leichtigkeit. Diejenigen, die das Turnier organisierten, waren fast durch die Bank weg neu, was an einigen Stellen zu ganz leichtem Chaos führte. Vor allem aber waren alle, nach einer langen Debattiersaison, beim deren letztem Turnier angenehm entspannt.

Es passierte, was regelmäßig passiert. Die ersten Vorrunden sind noch relativ lässig. Hier und da gibt es Frust und Enttäuschung über bestimmte Jury-Entscheidungen. Aber ab der letzten Vorrunde, und dann in den K.O. Runden, kommt dann eine Ernsthaftigkeit auf und zieht eine konzentrierte Anspannung auf, die immer wieder faszinierend ist.

Das einzige, was wirklich nicht optimal lief und dem spirit des Turnieres auch abträglich war, war das Finale. Denn einerseits war der Ort nicht wirklich schön und etwas entrückt von der Stadt, was auch den Transfer schwierig machte. Vor allem aber gab es wirklich ordentliche Verspätungen, die dann zu unnötiger Hektik führten. Symbolisch verdichtet zeigte sich diese darin, dass wir einem der Sieger seinen Pokal nicht mehr überreichen konnten, da er schon im Zug saß. Dennoch haben die Greifswalder mit ihrer neuen und jungen Mannschaft es geschafft, ein für alle wirklich angenehmes Turnier auf die Beine zu stellen und die Tradition des Bodden-Cups fortzuführen.

Die Faszination guter Debatten

Am Anfang meiner rednerischen Laufbahn war mir das Gewinnen am wichtigsten. Irgendwann aber rückte dies mehr und mehr in den Hintergrund, und die Partizipation an wirklich guten Debatten wurde immer wichtiger. Doch was zeichnet diese aus?

Nehmen wir als Beispiel die fünfte Vorrundendebatte, in der es um die Frage ging, ob die Berliner Polizei im Einsatz von G20 der eigenen, deeskalierenden Linie hätte folgen und sich der konfrontativen Strategie der Hamburger Einsatzleitung aktiv hätte widersetzen sollen. Die erste Regierung macht einen hervorragenden Job, indem sie erklärt, weshalb die Deeskalation grundlegend das richtige Konzept ist und die real existierende Linie nahezu zwangsläufig in solcher Gewalt mündet. Schon diese Erklärung war deutlich stärker als viele innenpolitischen Debatten im Bundestag. Die Opposition kommt mit dem starken Punkt der Gehorsamsverweigerung innerhalb eines hierarchischen Systems und allen daraus resultierenden Schwierigkeiten raus, und mensch denkt sich: tolle Debatte, genau darum geht es.

Und dann kommt die schließende Regierung. Und man denkt einfach so: wow. Kollektives Gewissen der Berliner Polizei als Kollektivsubjekt, Senkung der eskalativen Erwartungssicherheit, Analogien zu anderen Befehlsverweigerungen in hierarchischen Systemen (Kriegsverbrechen in Armeen), schwindendes Grundvertrauen in eine gewalttätige Polizei und damit Legitimitätsverlust der Staatlichkeit.

So hatte ich das noch nicht betrachtet. Einiges von dem war mir selbst überhaupt nicht eingefallen. Zusätzlich wurde die Debatte so noch einmal auf ein ganz anderes Niveau gehoben. Ein Niveau, von dem sich mindestens der Bundestag und definitiv jedes Landesparlament mehrere Scheiben abschneiden kann. Da gibt es ein Flow-Erlebnis beim Zuhören, und das Charisma entfaltet seine faszinierende Wirkung. DAS ist der zentrale Anreiz des Debattierens.

Epilog: Eine gute Jurierung ist wie ein Coaching

Als Juror geht es dann darum, eine möglichst faire und nachvollziehbare Entscheidung zu treffen. Für diese ist das Regelsystem geschaffen, zum Beispiel jenes der Offenen Parlamentarischen Debatte. Vor allem aber gibt es strukturelle Analogien zwischen einer guten Jurierung und einem Coaching. Im Coaching geht es nämlich häufig darum, auf welchen Prämissen ein Mensch sein Leben bzw. seine Lebensführung aufbaut. Genauso bauen Teams ihre Argumentationen auf Prämissen auf. Diese sind in unterschiedlichem Maße funktional bzw. dysfunktional, und ein gutes Coaching wie eine gute Jurierung arbeitet genau dies heraus. Dieser Prozess ist eng verwandt mit der sokratischen Mäeutik.

Im Coaching geht es um die Ausarbeitung von klaren Zielen und Mitteln der Realisierung. Der Prozess der Zielerreichung wird dann über entsprechendes Feedback gestützt. In ebendiesem Sinne sollte eine gute Jurierung auch eine Rückmeldung darüber sein, ob die einzelnen Teams ihre jeweiligen rhetorischen Ziele erreicht haben, und den Fortschritt sowie den Grad der Zielerreichung abwägen.

Vor allem aber sollte eine Jurierung genau wie ein Coaching immer Wege zur weiteren Verbesserung und Potenzialentfaltung aufzeigen. Ich hoffe, dies in Greifswald getan zu haben.

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