Warum war Merkels Rede zu Corona vom 18.03.2020 so gut? Eine rhetorische Analyse

Dies ist die erweiterte Analyse zum Radio Beitrag vom 19.03.2020 auf Deutschlandfunk Nova. Hier zum Nachhören:

Einleitung: Die beste Rede ihrer Kanzlerschaft

Angela Merkel gilt eigentlich nicht als gute Rednerin. Sie ist eher trotz statt wegen ihrer Rhetorik mehrfach gewählt worden. Gestern jedoch hat sie die beste Rede als Bundeskanzlerin in den mittlerweile 15 Jahren ihrer Amtszeit gehalten. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass sie im historischen Kontext auf einer Ebene mit Winston Churchills berühmter Blut, Schweiß- und Tränen-Rede am 13. Mai 1940 vor dem britischen Unterhaus stehen wird. Merkel hat alle klassischen Quellen der Überzeugung genutzt und vor allem endlich einmal mit Pathos gesprochen. Sie hat emotionale Resonanz erzeugt und vor allem hat sie mittels dieser Rede transformational geführt. Das ist ihr vorher rhetorisch nicht gelungen, und genau deshalb hatte diese Rede eine neue Qualität und war die beste ihrer bisherigen Kanzlerschaft.

Die drei Quellen der Überzeugung: Logik, Pathos und Glaubwürdigkeit

Denn anders als sonst, wo sie häufig doch sehr sachlich ist, Gefühle vermeidet und gerade von der Stimme her durchaus monoton ist, hat sie tatsächlich alle drei zentralen Quellen der rhetorischen Überzeugung eingesetzt , welche wir seit der aristotelischen Rhetorik kennen (vgl. Knape, 2000; Rapp, 2012), nämlich erstens die Logik, zweitens das Gefühl, und drittens die Glaubwürdigkeit. Sie überzeugte mit Fakten, indem sie auf die wissenschaftlichen Erkenntnisse verwies und mahnte, nur auf die offiziellen Quellen zu hören (vgl. Schaeffer, 2018) und den Schutz von Menschenleben, die Verlangsamung der Ausbreitung des Virus und damit die Nichtüberlastung des Gesundheitssystems als Richtschnur des Handelns zu betrachten. Das ist logisch nachvollziehbar und rational verständlich. Beides ist die Basis einer gelungenen Rede (Stroh, 2011)

Zweitens hat sie endlich einmal mit Pathos gesprochen, Gefühl rübergebracht. Dies ist entscheidend für eine tatsächlich mitreißende Rhetorik (Allhoff & Allhoff, 2016; Merklin, 1997) Der Dank an alle im Gesundheitswesen und diejenigen, die gerade im Einzelhandel einen besonders schweren Job gemacht haben, das war Gefühl. Der stärkste Satz allerdings, mit dem sie emotional überzeugt hat war, Zitat:

„Das sind nicht einfach abstrakte Zahlen in einer Statistik, sondern dass ist ein Vater oder Großvater, eine Mutter oder Großmutter, eine Partnerin oder Partner, es sind Menschen. Und wir sind eine Gemeinschaft, in der jedes Leben und jeder Mensch zählt“.

Und drittens hat sie mit persönlicher Glaubwürdigkeit gearbeitet. Denn sie hat anhand ihrer eigenen Biographie noch einmal auf die Schwierigkeiten und Entbehrungen der aktuell ergriffenen Politik verwiesen. Zitat hier:

„Lassen Sie mich versichern: Für jemandem wie mich, für die Reise- und Bewegungsfreiheit ein schwer erkämpftes Recht waren, sind solche Einschränkungen nur in der absoluten Notwendigkeit zu rechtfertigen“.

Das war stark und verständlich. Vor allem, weil sie dann ja auch noch berechtigten Befürchtungen entgegengetreten ist, dass dieser derzeitige Ausnahmezustand mit massiven Grundrechteeinschränkungen nicht dauerhaft existieren wird. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat also diesmal mit Verstand, mit Gefühl und mit Glaubwürdigkeit überzeugt. Der Unterschied war diesmal vor allem der, dass sie diesmal tatsächlich emotional war und die Menschen abgeholt hat, ihnen das Gefühl gegeben hat, ihre Sorgen und Nöte zu verstehen. Sie hat mittels Kommunikation Resonanz erzeugt (Rosa, 2016), was gerade in diesen Krisenzeiten so wichtig ist. Beispielhaft dafür steht der Satz:

Ich weiß, wie dramatisch schon jetzt die Einschränkungen sind

Merkels Ansprache als transformationale Führung

Die Kanzlerin hat vor allem aber auch, und das unterscheidet diese Rede grundlegend von allen anderen vorher, transformational geführt. Die transformationale Führung ist ein Konzept, welches der Politikwissenschaftler Bernard Bass 1985 entwickelte, und welches immer stärker in Mode kommt (Bass, 2010), um Sinn zu vermitteln, Vertrauen und Loyalität der Menschen zu erwerben (Nerdinger, 2019). Gerade innerhalb von Veränderungsprozessen hat sich dieser anspruchsvolle Führungsstil als sehr effektiv erwiesen (Ling et. al., 2018; Herrmann et. al., 2012). Und die Coronakrise ist ein beispielloser Veränderungsvorgang. Er besteht aus vier Komponenten, nämlich idealisiertem Einfluss, einer motivierenden Mission, intellektueller Stimulation und individueller Zuwendung (vgl. Vincent-Höper et, al., 2017).

Konkret auf ihre Rede übertragen hat sich folgendes ergeben: Die Kanzlerin hat mit Werten gearbeitet (Lakoff, 2014; Haidt, 2012), nämlich dass sie und die Regierung sich kümmern wird und dass sie ihr Verhalten transparent erläutern will. Sie hat eine klare politische Mission aufgezeigt, nämlich dass alle sich bestmöglich an die Regeln halten sollen, damit wir gut und mit möglichst wenig Schäden und zu beklagenden Toten durch die Krise kommen. Sie hat die Menschen intellektuell herausgefordert, indem sie abstrakte Statistiken zu konkreten Menschen werden ließ und erklärt hat, warum es gerade in einer Demokratie so schwierig ist, solche Entscheidungen zu treffen (vgl. Müller: 2013). Und sie hat sich jeder und jedem Einzelnen mehrfach zugewendet mit, unter anderem mit dem Satz relativ am Anfang, Zitat:

„Ich glaube fest daran, dass wir diese Aufgabe bestehen, wenn wirklich alle Bürgerinnen und Bürger sie als IHRE Aufgabe begreifen.“

Sie hat also tatsächlich aufgezeigt, dass es auf jede und jeden ankommt, was heutzutage eine sehr zeitgemäße Botschaft ist, da sie für Selbstwirksamkeit und Sinn sorgt und Menschen sich durch eine individuelle, persönliche Zuwendung stärker angesprochen fühlen (Reckwitz, 2018).

Eigentlich wurde transformationale Führung oder neocharismatische Führung (Nerdinger, 2019), wie sie auch genannt wird, bisher im politischen Raum wesentlich Barack Obama zugeschrieben. Mit dieser Rede aber hat Merkel ebenfalls alle vier Komponenten der transformationale Führung beispielhaft herübergebracht.

Fazit: Merkel, wie man sie noch nicht erlebt hat

Angela Merkel sagte 2013 im TV-Duell den prägnanten (und in den Wahlkabinen sehr erfolgreichen) Satz „Sie kennen mich“. Dies kann zumindest in Teilen nach der gestrigen Rede infrage gestellt werden. Die Kanzlerin hat, anders als bei der Entscheidung zum endgültigen Atomausstieg 2011 oder der Beibehaltung offener Grenzen im langen Sommer der Migration 2015 ihre Politik klar und ausführlich erklärt. Diese Rede war ja auch deutlich länger als zum Beispiel ihre Neujahrsansprachen. Sie hat endlich mit Pathos gearbeitet und sicher auch den einen oder die andere Verkäuferin oder Menschen, die sich jetzt um ihre engen Angehörigen sorgen, um Väter und Mütter, um ihre Großeltern, möglicherweise sogar zu Tränen gerührt. Dass aber Merkel Menschen wirklich mit Worten rühren könnte, auch dies wurde vorher eher ausgeschlossen.

Es war eine Sternstunde der Rhetorik in den Zeiten tiefer Krise. Und es war vor allem eines: tatsächliche politische Führung.

Literatur:

Allhoff, Dieter & Allhoff, Waltraud (2016). Rhetorik und Kommunikation. Ein Lehr- und Übungsbuch. München: Reinhardt.

Bass, Bernard (2010). Two Decades of Research and Development in Transformational Leadership. European Journal of Work and Organizational Psychology, 8, S. 9-32.

Haidt, Jonathan (2012). The righteous mind. Why good people are divided by politics and religion. New York: Basic Books.

Herrmann, Daniel; Felfe, Jörg & Hardt, Julia (2012). Transformationale Führung und Veränderungsbereitschaft. Stressoren und Ressourcen als relevante Kontextbedingungen. Zeitschrift für Arbeits- und Organisationspsychologie, 2, S. 70-86.

Knape, Joachim (2000). Was ist Rhetorik? Stuttgart: Reclam.

Lakoff, George (2014). The all new don´t think of an elephant. Know your values and frame the debate.

Ling, Bin; Guo, Yue & Chen, Dusheng (2018). Change Leadership and Employees` Commitment to Change. Journal of Personnel Psychology, 2, S. 83-92.

Merklin, Harald (1997). Cicero De oratore – Über den Redner. Stuttgart: Reclam.

Müller, Jan-Werner (2013). Das demokratische Zeitalter. Eine politische Ideengeschichte Europas im 20. Jahrhundert. Frankfurt am Main: Suhrkamp Wissenschaft.

Nerdinger, Friedemann (2019). Führung von Mitarbeitern. In Nerdinger, Friedemann; Blickle, Gerhard & Schaper, Nicolas (Hg.). Lehrbuch Arbeits- und Organisationspsychologie. Berlin: Springer Wissenschaft. S. 95-117.

Rapp, Christoph (2012). Aristoteles. Zur Einführung. Hamburg: Junius.

Reckwitz, Andreas (2018). Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne. Berlin: Edition Suhrkamp.

Rosa, Hartmut (2016). Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung. Berlin: Edition Suhrkamp.

Schaeffer, Ute (2018). Fake statt Fakt. Wie Populisten, Bots und Trolle unsere Demokratie angreifen. München: dtv Verlagsgesellschaft.

Stroh, Wilfried (2011). Die Macht der Rede. Eine kleine Geschichte der Rhetorik im alten Griechenland und Rom. Berlin: List.

Vincent-Höper, Sylvie; Gregersen, Sabine & Nienhaus, Albert (2017). Do Work Characteristics Mediate the Negative Effect of Transformational Leadership on Impaired Well-Being? Zeitschrift für Arbeits- und Organisationspsychologie, 4, S. 167-180.

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