Der Weg zur Hölle ist mit guten Absichten gepflastert: Über linke Identitätspolitik und Cancel Culture

Der Weg zur Hölle ist mit guten Absichten gepflastert: Über linke Identitätspolitik und Cancel Culture

Einleitung: Erika Steinbach und ich

Vor mehr als zehn Jahren wollte Erika Steinbach eine Diskussionsveranstaltung an meiner Universität, der Universität Potsdam, veranstalten. Dem stellte ich mich, als linker Student, wortwörtlich in den Weg. Ich fand es unerträglich, dass diese Frau ihre häufig nationalistischen und reaktionären Thesen verbreiten konnte. Da ich fest davon überzeugt war, dass man einer solchen Frau kein Podium bieten sollte, war ich an der Verhinderung dieser Veranstaltung persönlich beteiligt.

Heute, mehr als zehn Jahre später, sehe ich das anders. Noch heute bezweifle ich, dass eine Universität der richtige Ort ist, um mit Frau Steinbach zu sprechen, da ihr Anspruch ja nicht jener der Wahrheitsfindung ist, sondern es ihr um Ideologie, Ressentiments und vor allem sie selbst geht. Dennoch hätte man sie inhaltlich stellen, ihr mit Argumenten und Fakten begegnen und sie inhaltlich wie empirisch widerlegen sollen. Die Kritik als Mittel der Wissenschaft hätte auf Frau Steinbach angewendet werden sollen. An diese Episode denke ich heute immer mal wieder, wenn ich über die heutigen Diskussionen um Identitätspolitik und Cancel Culture denke. Denn die (erfolgreiche) Blockade, die wir damals tätigten, war Cancel Culture im ganz praktischen Sinne.

Identitätspolitik und Cancel Culture: Im Grundsatz begrüßenswerte Anliegen

Identitätspolitik beschreibt das Ansinnen, dass bestimmte gesellschaftliche Gruppen, die benachteiligt, diskriminiert oder gar ausgeschlossen sind, aufgewertet, bessergestellt und stärker gesellschaftlich repräsentiert werden (vgl. Straub: 2018; Lilla: 2017). Es geht hier also explizit darum, denjenigen eine Stimme zu geben, deren Stimme zu selten gehört wird. Konkret geht es also darum, die Lebenswirklichkeit, Interessen und Perspektiven zum Beispiel von Migrantinnen und Migranten (hier insbesondere People of Color; Bauböck: 2020), Menschen die nicht heterosexuell sind, aber auch die gesellschaftlich immer noch in Führungs- und Entscheidungspositionen unterrepräsentierten Frauen stärker wahrnehmbar zu machen. All das ist aus der Sicht des Autors im Grundsatz absolut zu begrüßen.

Cancel Culture hingegen beschreibt, dass bestimmte Begriffe und Ansichten möglichst unterdrückt und nicht geäußert werden können. Es soll vor allem darum gehen, dass Menschen durch die Äußerungen anderer nicht diskriminiert oder verletzt werden. Sofern dies passieren könnte, sollen die Begriffe unterdrückt, also gecancelt werden. Daraus ergibt sich, dass zum Beispiel Begriffe wie „Neger“, „Zigeuner“ oder weitere Begriffe nicht verwendet werden dürfen, und dass eine Stigmatisierung derjenigen erfolgt, die diese Begriffe verwenden. Auch das ist im Grundsatz zu begrüßen, denn Sprache soll dazu dienen, sich zu verstehen, auf Augenhöhe zu kommunizieren und sich gegenseitig als gleichwertig zu respektieren (Pörksen/Schulz von Thun: 2020; Habermas: 2009).

Diese Cancel-Culture-Bewegung ist insbesondere in amerikanischen Universitäten bereits sehr aktiv, und verändert dort auch schon die Debattenkultur teils hinsichtlich einer Selbstzensur (Haidt: 2012). Aus der Sicht von Vertreter*innen der Cancel Culture wäre auch dieser Text jetzt schon moralisch inakzeptabel, da die beiden obigen Worte, wenn auch in Anführungsstrichen, verwendet wurden und ihre Verwendung ja Menschen verletzen kann. Der politische Zielkonflikt wird schon daran offensichtlich: Der Wunsch nach Besserstellung von schlechter gestellten Gruppen und der Vermeidung von Verletzungen qua Sprache steht der Wunsch nach Meinungs- und Ausdrucksfreiheit entgegen, teils aber auch ein mögliches Verständnisproblem. Zielkonflikte sind jedoch in klugem politischem und auch sprachlichem Handeln stets mitzudenken (Habeck: 2018).

Die Aktualität des Themas: Die New York Times und Wolfgang Thierse

Das Thema gewinnt aktuell in besonderem Maße an Aufmerksamkeit, und das kulturübergreifend. In den USA hat es bei der New York Times die Kündigung eines jahrzehntelangen verdienten Reporters gegeben, der bei einer Studienreise nach Peru in verschiedenen politischen Diskussionen das N-Wort mehrfach verwendet hatte. Dabei ist umstritten, ob er es zur Veranschaulichung bzw. als Zitat oder als eigenen Sprachgebrauch sah. Mittlerweile ist er trotz jahrzehntelanger journalistischer Verdienste nicht mehr Redakteur. Es gab sowohl bei der Ney York Times, als auch an amerikanischen Hochschulen vielfach Fälle, bei denen ein als verletzend empfundener Sprachgebrauch zur Beendigung von Berufsverhältnissen führte.

In Deutschland hat diese Debatte in den letzten Tagen aufgrund eines Gastbeitrages des ehemaligen Bundestagspräsidenten Wolfgang Thierse (SPD) in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ 22.02.2021) sowie einem Interview mit dem Deutschlandfunk (25.02.2021) an Fahrt aufgenommen. Es sollen nachfolgend Zitate Wolfgang Thierses aus dem Gespräch mit dem Deutschlandfunk angeführt werden:

Eine Gesellschaft kann nicht nur funktionieren, wenn die einzelnen Gruppen, wenn die Verschiedenen nur auf ihrer Verschiedenheit bestehen, auf ihrer Identität, dem Nebeneinander oder Gegeneinander von berechtigten Gruppeninteressen und Ansichten, sondern wenn wir uns immer wieder neu der Mühe unterziehen, das Gemeinsame in unseren Vorstellungen von Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität, Menschenwürde zu finden, auch in dem, was geschichtlich geprägte kulturelle Normen, Erinnerungen, Traditionen sind. Darauf müssen sich die Anstrengungen richten, und mein Eindruck ist, dass das gegenwärtig viel weniger passiert, als es notwendig ist, dass viel schärfer die Identität hervorgehoben wird, das Gegeneinander, mit einer Radikalität und Engführung, die etwas Beängstigendes hat.“

Weiterhin sagt Thierse (Deutschlandfunk 25.02.2021): „Menschen werden vom Diskurs ausgeschlossen an den Universitäten oder in den Medien, die unliebsame Ansichten haben, die einem nicht passen, die man ablehnt, und deswegen will man sie ausschließen. Das sind die Beobachtungen, die mich beunruhigen

Und ein weiteres Zitat (Deutschlandfunk 25.02.2021): „Sehen Sie, mein Text ist ja ein Appell, mehr Anstrengungen für Gemeinsamkeit zu übernehmen, das Gemeinsame immer neu im Verschiedenen, ohne die Vielfalt beseitigen zu wollen, sondern Vielfalt kann nur friedlich und produktiv gelebt werden, wenn wir fundamentale Gemeinsamkeiten haben. Dieser Appell hat zu einem Shitstorm geführt. Ich werde als reaktionär beschimpft, als Mann mit neurechtem Sprech, gewissermaßen AfD-Positionen. Vom Schwulen- und Lesbenverband wird das getrieben. Mir wird vorgehalten, das sind ja die Ansichten eines alten weißen Mannes mit heterosexueller Orientierung, heteronormativer Orientierung. Da erleben Sie genau das. Eine Ansicht, die einem nicht passt, die wird identitär zurückgewiesen. Mein Alter, meine „Rasse“, mein Geschlecht, meine sexuelle Orientierung – also ist die Sache erledigt. Man muss sich mit der Ansicht nicht befassen. Man kann sie einfach ablegen, weil sie so von einem Menschen, der ja immer definiert ist mit einer bestimmten Identität, vorgetragen worden ist.“

Selbstverständlich hat Thierse in diesem Interview noch viel mehr gesagt. Die Sätze dienen dazu, den Diskurs zu veranschaulichen. Die SPD-Chefin Saskia Esken sowie der ehemalige Juso-Chef Kevin Kühnert erklärten daraufhin gegenüber der SPD-Arbeitsgemeinschaft Queer, dass sie sich für Wolfgang Thierse schämten. Dieser bot daraufhin demonstrativ seinen Parteiaustritt an. Damit hatte die gesamte Debatte endgültig an Fahrt aufgenommen, und es wird in Deutschland intensiv über linke Identitätspolitik und Cancel Culture gestritten. Das interessante ist, dass Wolfgang Thierse forderte, dass Argumente statt Betroffenheit in den Mittelpunkt der gesellschaftlich-politischen Debatte mussten, und dann Betroffenheit („ich schäme mich“) erntete, das heißt in der Reaktion auf seinen Beitrag genau das passierte, was er anprangert.

Das Grundproblem: Cancel Culture und Reaktanz

Die Identitätspolitik, welche darauf abzielt, marginalisierte Gruppen sichtbarer und hörbarer zu machen, zielt in ihrem Kern auf mehr Gleichheit, und sie nimmt dafür eine temporäre Ungleichheit durch Bevorzugung bestimmter Gruppen in Kauf (Lilla: 2017). Dies ist, gerade angesichts der lang anhaltenden historischen Benachteiligungen von Migrantinnen und Migranten, nichtheterosexuellen Menschen und Frauen nachvollziehbar, und es war auch die Begründung der affirmative action, also der besonderen Bevorzugung von people of color in den USA (Singer 2013: 84). Es ergibt sich immer noch das Problem, dass der linke Grundsatz der Gleichberechtigung (vgl. Walzer: 2006) hier für eine bestimmte Zeit verletzt wird, allerdings mit dem klar definierten Ziel, genau diese Gleichheit ja schlussendlich endlich herzustellen. Das erscheint moralisch und normativ (Forst: 2015) legitimierbar.

Bei der Cancel Culture werden einerseits bestimmte Worte oder Thesen delegitimiert, da sie andere verletzen könnten. Dies ist durchaus noch begründbar, da vorsätzliche Verletzungen ein ethisch kaum zu tolerierendes Verhalten darstellen (Singer: 2013; Pauer-Studer: 2010). Es impliziert aber erstens das Problem einer Machtasymmetrie durch Betroffenheit. Denn wenn eine andere Person sagt, dass sie durch eine Äußerung verletzt ist, kann sie gemäß der Cancel Culture dafür Sorge tragen, dass ich etwas nicht sagen darf. Dieses Kriterium der Verletztheit ist aber nicht objektiv, sondern per Definition subjektiv, was dann zweitens dazu führt, dass ich ja von vornherein überlegen muss, was den oder die andere verletzen könnte. Genau dieser Mechanismus führt dann zu einer sprachlichen Selbstzensur.

Das psychologische Problem an dieser Stelle ist jedoch das der Reaktanz. Reaktanz bedeutet, dass Menschen sich grundlegend gegen gefühlte und verordnete Einschränkungen sträuben bzw. zur Wehr setzen (Stroebe: 2014).

Die zweite Facette der Cancel Culture ist hingegen noch viel problematischer. Denn es wird Menschen, die nicht von Diskriminierungserfahrungen betroffen sind, das grundlegende Recht abgesprochen, legitimerweise an bestimmten Diskursen teilnehmen zu können. Ganz praktisch gesagt: Ein weißer alter Mann (wie z.B. aktuell Wolfgang Thierse) darf sich nicht zu Rassismus, Diskriminierung, Sexismus etc. äußern. Genau das aber ist erstens logisch hochgradig inkonsistent und zweitens politisch wie demokratietheoretisch vielfach problematisch.

Warum ist das logisch problematisch? Die Cancel Culture geht davon aus, dass man bestimmte Erfahrungen gemacht haben muss, um mitreden zu können. Dafür aber führt sie keine wirkliche logische Begründung an. Meine Gegenthese lautet: Mittels Empathie, Perspektivübernahme, Zuhören und Verständnis kann ich mich angemessen in andere hineinversetzen und dann auch legitimerweise über Dinge sprechen. Hinzu kommt das logische Problem, dass einerseits alle zur Kategorie Mensch gehören sollen, aber gerade Identitätspolitik, um überhaupt agieren zu können, erst einmal bestimmte andere Identitäten (Frau, Migrant*in etc.) aktualisieren muss. Es ist also prinzipieller Egalitarismus gewollt, für den aber identitäre Differenz zunächst produziert werden muss. Das ist logisch inkonsistent, genau wie die binäre Zuschreibung diskursberechtigt/nicht diskursberechtigt innerhalb einer Kategorie, nämlich Mensch, die auf Gleichheit ausgerichtet ist.

Diesen Gedanken zu Ende gedacht dürften dann Menschen nur noch über ihre eigenen Erfahrungen und ihre eigene Biographie sprechen, was dann zu sehr selbstreferenziellen Debatten führt. Das viel größere, politische wie demokratietheoretische Problem ist, dass Menschen dann die prinzipielle Gleichwertigkeit abgesprochen wird. Denn gemäß der Cancel Culture hat die Stimme bestimmter Menschen dann ja keine Geltung mehr, was einen Bruch mit dem prinzipiellen demokratischen Gleichheitsversprechen (Comtesse: 2019) beinhaltet. Ebenso ergibt sich die Paradoxie, dass mittels des Ausschlusses bestimmter Gruppen ein Einschluss anderer Gruppen erfolgen soll. Das Ziel aber sollte eine inklusive Gesellschaft und Debatte sein (Pörksen/Schulz von Thun: 2020). Vor allem aber ist folgender Mechanismus unklar: Wann genau verliert man warum die Berechtigung zu sprechen? Ganz persönlich hieße dies nämlich, dass ich in 31 Jahren (wenn wir mal das Renteneintrittsalter als Definition von alt nehme) nicht mehr legitimerweise über Dinge sprechen darf. Warum ging das vorher, und dann nicht mehr? Dieses nicht-mehr-Sprechen-dürfen aber erzeugt erst Recht Reaktanz.

Natürlich ist es richtig und begrüßenswert, dass in einer immer noch patriarchal geprägten Gesellschaft, in der Frauen, LGBTIQ (lesbische, schwule, bisexuelle, trans-, inter- und queere Menschen) sowie Migrantinnen und Migranten in Führungspositionen sowie ihrer gesellschaftlichen Sichtbarkeit unterrepräsentiert sind, in der es klare Lohn- und Vermögensunterschiede gibt gibt und ein Migrationshintergrund noch viel zu oft zu Deklassierung und Unterschichtung führt (Nachtwey: 2017), die Macht und die Privilegien von alten weißen Männern beschnitten und reduziert werden. Das aber ist etwas ganz anderes, als sie zum Schweigen zu bringen bzw. ihnen ihre grundlegende Diskurslegitimation abzusprechen.

Die gesamte linke Identitätspolitik und Cancel Culture hat hier mit zwei unaufgelösten prinzipiellen Widersprüchen zu kämpfen. Erstens: Sie betrachtet sich selbst als emanzipatorisch und egalitär, aber behandelt Menschen aufgrund ihrer Geburt, also etwas nicht veränderbarem, ungleich. Zweitens: Beide wenden sich gegen Diskriminierung, aber diskriminieren hierfür ebenfalls bestimmte Gruppen. Anders gesagt. Auch die Cancel Culture ist, gerade in ihrer aggressiven Form, auch eine Form gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit (vgl. Heitmeyer: 2018).

Hierzu sei einmal kurz zitiert, was genau die Reaktanztheorie genau besagt: Reaktanz ist ein aversiver Zustand, der durch Einschränkungen der Freiheit einer Person in Bezug auf wichtige Verhaltensergebnisse zustande kommt. Man nimmt an, dass Reaktanz das Individuum dazu motiviert, die eingeschränkte Freiheit wiederherzustellen.“ (Stroebe 2014: 269).

Genau das, was die Theorie besagt, ist allerdings keine theoretische Überlegung, sondern hat handfeste politische Konsequenzen.

Die politischen Konsequenzen der Reaktanz: Ein unfreiwilliges Konjunkturprogramm für Rechtspopulisten

Genau diese Motivation, die eingeschränkte (sprachliche) Freiheit wiederherzustellen, hat dann handfeste politische Konsequenzen, die den Absichten linker Identitätspolitik diametral zuwiderlaufen. Sie stärken nämlich damit direkt und nachweislich rechtspopulistische Parteien. Denn dieses grundlegende Unbehagen, dass Gefühl, Dinge nicht mehr sagen zu können, spielt genau in deren politische Erzählung der eingeschränkten Meinungsfreiheit, welche rechtspopulistische Parteien und Akteur*innen regelmäßg fahren (Ötsch/Horaczek: 2017: Bednarz/Giesa: 2015). Donald Trump konnte seine Anhängerschaft unter anderem damit mobilisieren, dass mit der politischen Linken die Cancel Culture komme, und auch die AfD mobilisiert mittels des Reaktanzempfindens, dass „man seine Meinung gar nicht mehr frei äußern kann“. Das bedeutet aber, dass diejenigen gestärkt werden, die offen und ungebremst das sagen, was linke Identitätspolitik und Cancel Culture eigentlich unterdrücken wollen. Durch die gestärkte parlamentarische Repräsentation dann sogar noch mit mehr medialer Präsenz und Reichweite. Beim Fußball würde man sagen: Ein Eigentor.

Vor allem gibt es aber noch einen zweiten nicht intendierten, aber dennoch vorhandenen Effekt. Identitätspolitik gibt es auch von rechts, und hier wird auf die Identität als Deutsche*r angespielt und diese positiv besetzt (Koppetsch: 2019; Lichtmesz/Sommerfeld: 2017). Jetzt ist es hier natürlich rhetorisches ein Leichtes, mit dem Verweis auf die Existenz linker Identitätspolitik mittels eines Analogiearguments dann eine rechte Identitätspolitik zu legitimieren. Genau das geschieht auch. Denn es rührt an das grundlegende moralische Empfinden der Reziprozität (Haidt: 2012), dass es doch nur gerecht ist, dass wenn es eine linke Identitätspolitik gibt, es auch eine rechte geben darf. Nur sorgt die rechte Identitätspolitik für eine Abgrenzung, auch Abwertung aller Nichtdeutschen. Also genau das, wogegen sich linke Identitätspolitik und Cancel Culture eigentlich zur Wehr setzen. Beim Fußball würde man sagen: Ein Eigentor.

Es kommt aber noch ein Faktor hinzu: Linke Identitätspolitik und cancel Culture werten alte weiße Männer ab, während Rechtspopulisten sie aufwerten und ihnen eine besondere Bedeutung zusprechen, ob als Mann, als politisches Subjekt oder Verteidiger der nationalen Kultur (Mau: 2019; Eribon: 2016). Da Menschen nach Selbstwerterhöhung streben, werden sie so nahezu automatisch in die Arme der Rechten getrieben. Das aber steht dem Streben nach progressiven Mehrheiten, welche eine Grundvoraussetzung für die praktisch-politische Umsetzung linker Identitätspolitik sind, diametral entgegen.

Das strategische Selbstreferenzproblem insbesondere der Cancel Culture

Das heißt, es gibt einerseits ein nicht intendiertes politisches Konjunkturprogramm für Rechtspopulisten. Was aber strategisch viel gravierender ist: das linke politische Lager zerfleischt sich durch solche Debatten selbst. Themen wie die Rechte von LGBTIQ, aber auch critical whiteness (das eigene kritische Hinterfragen von Privilegen aufgrund des Weißseins) sind Konservativen für gewöhnlich egal, Rechtspopulisten bekämpfen diese Themen hingegen aktiv.

Eigentlich müsste die Cancel Culture ja aktiv auf Rechtspopulisten abzielen, da ihre demagogische Sprache ja in der Tat Menschen verletzt, diskriminiert, ausgrenzt und ihnen vor allem die prinzipielle Gleichwertigkeit abspricht (vgl. Hillje: 2018; Habeck: 2018). Das Problem aber ist: Ansprüche wie Nichtdiskriminierung, prinzipielle Gleichwertigkeit sowie Anerkennung aller Menschen teilen Rechte und Rechtspopulisten überhaupt nicht (vgl. Lichtmesz/Sommerfeld: 2017). Ihnen ist daher diese Kritik vollkommen egal. Die Voraussetzungen dieser Kritik greifen bei Ihnen nicht, daher prallt das auch vollkommen ab. Hinzu kommt die Paradoxie, dass sie selbst aus einer rechten identitätspolitischen Position heraus linke und progressive Stimmen als illegitime Diskursteilnehmende betrachten.

Die Cancel Culture kann also strukturell gar nicht diejenigen adressieren, gegen die sie sich richtet, weil bestimmte Werte als Prämissen des Diskurses (vgl. Habermas: 2014) überhaupt nicht geteilt werden. Daraus ergibt sich, dass sie sich nur an diejenigen wenden kann, die selbst für Diskriminierungsfreiheit und Gleichwertigkeit aller Menschen einstehen. Diese finden sich aber für gewöhnlich im progressiven politischen Lager. Und auch ein Wolfgang Thierse galt eigentlich als jemand, der eigentlich eher dem linken Lager der SPD zugehörig ist, und er hat explizit Respekt für alle Menschen eingefordert und sich stets gegen Rassismus gewandt. Das heißt aber, dass Shitstorms und moralische Anklagen vorwiegend innerhalb des progressiven Lagers geäußert werden, bzw. eine Chance auf Resonanz (Oswald: 2019; Rosa: 2017) haben. Dadurch aber erschient dieses Lager als zerstritten und uneins, sowie für Menschen mit einem stark ausgeprägten Freiheitswert (vgl. Haidt: 2012) weniger attraktiv. Einfacher gesagt: Die Cancel Culture trifft häufig die Falschen, und nicht diejenigen, die sie treffen sollte. Dadurch aber schwächt sie explizit das politische Lager, dem sie entspringt. Genau das aber ist strategisch fatal.

Das Diskriminierungsparadox der Cancel Culture: Sprachlicher Klassismus

Im Kern wendet sich linke Identitätspolitik und Cancel Culture ja gegen jede Art von Diskriminierung. Dabei verwendet sie allerdings häufig eine Sprache, die eine andere Form von Diskriminierung hervorbringt, nämlich Klassismus. Klassismus beschreibt eine Herabsetzung oder Geringschätzung von Menschen mit kleinerem Geldbeutel oder geringerer formaler Bildung (Olschanski 2016: 43f). Dies soll nachfolgend an mehreren Beispielen veranschaulicht werden. Dass zum Beispiel im Feminismus verschiedene Unterdrückungsformen zusammengedacht werden sollen, firmiert sprachlich als intersektionaler Feminismus. Die eigene Privilegierung aufgrund der weißen Hautfarbe ist critical whiteness. Und das Ziel, Menschen jedweden Geschlechts oder sexueller Orientierung angemessen zu repräsentieren, ist dann der Kampf für die Rechte von LGBTIQ. Dass Menschen aufgrund sowohl aufgrund ihres Geschlechtes als auch ihrer Herkunft und ihrer Klasse benachteiligt werden können, drückt sich dann als triple-oppression-theory aus. Menschen, die sich in subjektiver Übereinkunft mit ihrem angeborenen Geschlecht empfinden, sind dann entsprechend Cis-Menschen, sofern dieses Geschlecht maskulin ist cis-Männer. Worum es mir anhand dieser Beispiele geht: schon die verwendete Sprache schließt Menschen aus. Denn es gibt nicht wenige Menschen, insbesondere ohne Hochschulabschluss, die so etwas nicht kennen, oder schlicht nicht wissen, worum es geht, und daher auch nicht mitreden können. Das wäre per se noch nicht problematisch, gäbe es nicht auch das Phänomen, dass diejenigen, die so etwas nicht kennen, von manchen Protagonist*innen linker Identitätspolitik als rückschrittlich, hinterwäldlerisch etc, abgewertet werden.

Genau in diesem Moment aber schlägt das Bemühen um Diskriminierungsfreiheit in eine erneute Diskriminierung um, und die Cancel Culture handelt sich das prinzipielle Problem des sprachlichen Klassismus ein. Und sie müsste überzeugend begründen können, warum eine Sprache, die Menschen mit geringerer formaler Bildung teils ausschließt, im Sinne der Diskriminierungsfreiheit agiert. Anders gesagt: Diskurse um linke Identitätspolitik und Cancel Culture sind zwar keine Elitendiskurse, aber mindestens implizit elitäre Diskurse. Das Problem ist jedoch, dass man für gesellschaftliche Mehrheiten alle Menschen braucht, und niemanden ausgrenzen sollte. Das Problem ist umso gravierender, als dass ja Chancengleichheit und Teilhabegerechtigkeit wichtige linke Prinzipien sind, welche durch linke Identitätspolitik und Cancel Culture teils explizit verletzt werden.

Ich stelle mir manchmal wirklich vor, wie sich Menschen, die für intersektionalen Feminismus werben und sich gegen critical whiteness sowie die Privilegien von cis-Männern positionieren, in meiner uckermärkischen Heimat auf einen Marktplatz stellen und mit genau diesen Worten Menschen von ihren Positionen überzeugen wollen. Um es vorweg zu schreiben: Das wird nicht funktionieren. Der gemeine Templiner, die Milmersdorferin sowie der Rentner aus Schwedt wird schon gar nicht verstehen, worum es überhaupt geht. Das aber ist ein Problem, denn die Voraussetzung jedes erfolgreichen Überzeugungsprozesses ist Verständlichkeit

Am Ende geht es im Kern um Macht

Doch worum geht es in der gesamten Diskussion? Am Ende des Tages um das Kernthema der Politik: Macht (Luhmann: 2002). Diese zugegebenermaßen steile These soll mit der klassischen Definition von Macht nach Max Weber begründet werden: „Macht bedeutet jede Chance, den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht“ (Weber/Winckelmann: 2002).

Genau das ist Cancel Culture im Kern: es geht darum, die Äußerung oder gar die Diskursteilnahme einer anderen Person zu Canceln. Vorzuschreiben oder zu verbieten, was er oder sie (meist) er zu sagen und zu tun bzw. nicht zu tun hat. Die Ausübung von Cancel Culture ist faktisch der Inbegriff von Macht. Das ist per se nicht problematisch. Was hingegen problematisch ist: Worin liegt genau die Legitimation derer, die diese Diskursmacht ausüben? Sie sind weder gewählt worden, noch gab es bisher verbindliche Referenden oder Abstimmungen. Es ist eine Form der Selbstermächtigung ohne demokratische Legitimation.

Natürlich hat es schon vorher eine gewisse strafbewehrte Cancel Culture gegeben. Denn ich darf andere nicht beleidigen, das Volk verhetzen oder den Holocaust leugnen. Ich möchte betonen: zu Recht, denn all diese Dinge verletzen Menschen und schaden dem gesellschaftlichen Zusammenhalt. Manche Ausprägungen der Cancel Culture setzen jedoch viel früher an, und sie reduzieren problematischerweise nicht selten Menschen auf die Verwendung bestimmter Wörter, statt sich auf die gante Komplexität ihres Verhaltens oder ihrer Persönlichkeit einzulassen. Genau diese Reduktionsfähigkeit ist aber ebenso Ausdruck von Macht.

Fazit: Die Dosis macht das Gift, und wir brauchen robuste Zivilität und Diskursethik statt Cancel Culture.

Es ist aufgezeigt worden, dass die Grundanliegen linker Identitätspolitik und der Cancel Culture berechtigt sind, dass sie aber mit erheblichen Widersprüchen zu kämpfen haben. Vor allem aber, dass sie teils das Gegenteil von dem erreichen, was sie zu erreichen vorgeben, indem sie ein unfreiwilliges Konjunkturprogramm für Rechtspopulisten darstellen.

Es gilt hier vielmehr der alte Grundsatz: Die Dosis macht das Gift. Denn natürlich ist aus progressiver Perspektive der Kampf gegen Rassismus, Sexismus und alle Arten gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit und für eine menschenfreundliche Gesellschaft entschieden zu führen. Zum Arsenal dieses Kampfes gehören auch sprachliche Tabuisierungen und ein bewusstes Empowerment bisher marginalisierter Gruppen. Aber das darf eben nicht übertrieben oder, noch schlimmer, als einziges politisches oder rhetorisches Instrument betrieben werden. Vor allem wenn es zu umfassenden Tabuisierungen und Abwertungen kommt, steigt die Gefahr der Reaktanz massiv an. Paradigmatisch dafür steht die Reaktion auf Wolfgang Thierse, dem teilweise vorgeworfen eine „reaktionäre, faschistoide Dreckscheisse“ (Spiegel Online, 05.03.2021) von sich gegeben zu haben. Hierzu soll angemerkt sein: Nein, hat er nicht. Sondern er hat legitime und diskutable Positionen vertreten, über die natürlich inhaltlich kontrovers gestritten werden kann (und sollte).

Stattdessen sollte gerade linksliberale Politik eher auf Grundsätze der Diskursethik bauen (Pörksen: 2019; Habermas: 2009). Diese zielt auf gegenseitige Anerkennung aller Diskursteilnehmenden, auf ein verständigungsorientiertes Diskutieren und, im Optimalfalle, den „zwanglosen Zwang des besseren Arguments“. In dieser Perspektive sind dann auch alte weiße Männer Teil des Diskurses. Das macht schon allein deshalb Sinn, weil sie manchmal auch schlichtweg unbeabsichtigt Menschen verletzen, indem sie einfach die Sprache reproduzieren, die in ihrer Jugend normaler Umgangston war. Gerade im Diskurs statt im Ausschluss ist es jedoch viel leichter, sie davon zu überzeugen, dass wir jetzt eine andere gesellschaftliche Realität bzw. wünschenswerte Sprache haben.

Ebenso sollten sich Linksliberale eher am Leitbild der „robusten Zivilität“ orientieren, welches Timothy Garton Ash 2016 in einem Buch „Redefreiheit. Prinzipien für eine vernetzte Welt“ in die Diskussion einbrachte (Ash: 2016). Dies bedeutet, dass man sich sprachlich allen Formen von Menschenfeindlichkeit entgegenstellt, aber dabei eine verständliche Sprache spricht und sich auf Diskussionen und Dispute einlässt, auch wenn sie nicht im Wohlfühlbereich liegen. Damit ist nicht gemeint, dass man Rassismus und krudeste Verschwörungstheorien über sich ergehen lässt. Und ja: mit echten Nazis lohnt kein politischer Diskurs (Solnit: 2021), weil man von völlig anderen Grundannahmen und Menschenbildern ausgeht. Aber Menschen gleich auszuschließen und abzuwerten, weil sie manchmal problematische Begriffe verwenden, ist mit robuster Zivilität unvereinbar.

Ein Bewusstsein für Zielkonflikte, ein Mehr an Aushalten von Widersprüchen, vor allem aber auch eine kritische Reflexion der Kritiken (und Paradoxien), die seitens der linken Identitätspolitik und Cancel Culture hervorgebracht werden, erscheinen für das Ziel einer inklusiven Gesellschaft, die möglichst ohne Verletzungen und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit auskommt, sehr zielführend. So etwas wie die Herabwürdigung von Wolfgang Thierses Position als „reaktionäre, faschistoide Dreckscheisse“ hingegen nicht.

Literatur:

Ash, Timothy Garton (2016). Redefreiheit. Prinzipien für eine vernetzte Welt. München: Carl Hanser Verlag.

Bauböck, Rainer (2020). The Democratic Case for Immigration. Politische Vierteljahresschrift, 61, S. 357-371.

Bednarz, Liane/Giesa, Christoph (2015). Gefährliche Bürger. Die neue Rechte greift nach der Mitte. München: Hanser.

Comtesse, Dagmar (2019). Radikale Demokratietheorien. Berlin: Suhrkamp.

Eribon, Didier (2016). Rückkehr nach Reims. Berlin: Edition Suhrkamp.

Forst, Rainer (2015). Normativität und Macht. Zur Analyse sozialer Rechtfertigungsordnungen. Berlin: Suhrkamp.

Habeck, Robert (2018). Wer wir sein könnten. Warum unsere Demokratie eine offene und vielfältige Sprache braucht. Köln: Kiepenheuer & Witsch.

Haidt, Jonathan (2012). The righteous mind. Why good people are divided by politics and religion. New York: Basic Books.

Heitmeyer, Wilhelm (2018). Die autoritäre Versuchung. Signaturen der Bedrohung. Berlin: Edition Suhrkamp.

Hillje, Johannes (2018). Propaganda 4.0. Wie rechte Populisten Politik machen. Bonn: Dietz Verlag.

Koppetsch, Cornelia (2019). Die Gesellschaft des Zorns. Bielefeld: Transcript Verlag.

Lichtmesz, Martin/Sommerfeld, Caroline (2017). Mit Linken Leben. Schnellroda: Verlag Antaios.

Lilla, Mark (2017). Das Scheitern der Identitätspolitik. Blätter für deutsche und internationale Beziehungen, 1, S. 48-52.

Luhmann, Niklas (2002). Die Politik der Gesellschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp Wissenschaft.

Mau, Steffen (2019). Lütten Klein. Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft. Berlin: Suhrkamp Taschenbuch.

Nachtwey, Oliver (2017). Entzivilisierung. Über regressive Tendenzen in westlichen Gesellschaften. In Geiselberger, Heinrich (Hg.). Die Große Regression. Eine internationale Debatte zur geistigen Situation der Zeit. Berlin: Edition Suhrkamp. S. 215-232.

Olschanski, Reinhard (2016). Die Politik des Ressentiments. Blätter für deutsche und internationale Politik, 11, S. 43-48.

Oswald, Michael (2019). Strategisches Framing. Eine Einführung: Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Ötsch, Walter/Horaczek, Nina (2017). Populismus für Anfänger. Anleitung zur Volksverführung. Frankfurt am Main: Westend Verlag.

Pauer-Studer, Herlinde (2010). Einführung in die Ethik. Wien: WUV.

Pörksen, Bernhard/Schulz von Thun, Friedemann (2020). Die Kunst des Miteinander Redens. Über den Dialog in Politik und Gesellschaft. München: Carl Hanser Verlag.

Pörksen, Bernhard (2019). Die große Gereiztheit. Wege aus der kollektiven Erregung. München: Carl Hanser Verlag.

Rosa, Hartmut (2016). Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung. Berlin: Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft.

Singer, Peter (2013). Praktische Ethik. Stuttgart: Reclam.

Solnit, Rebecca (2021). Warum wir Nazis nicht entgegenkommen sollten. Blätter für deutsche und internationale Politik, 1, 55-61.

Straub, Jürgen (2018). Multiple Identitäten in modernen Gesellschaften. Prolegomena zur Bedeutungsvielfalt und Beharrlichkeit eines Begriffs. Zeitschrift für Politikwissenschaften, 28, S. 205-2016.

Stroebe, Wolfgang (2014). Strategien zur Einstellungs- und Verhaltensänderung. In Jonas, Klaus/Stroebe, Wolfgang/Hewstone, Miles (Hg). Sozialpsychologie. Berlin: Springer Wissenschaft. S. 231-268.

Walzer, Michael (2006). Sphären der Gerechtigkeit. Frankfurt am Main: Campus.

Weber, Max/Winckelmann, Johannes (2008). Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie. Tübingen: Mohr-Siebeck.

Dr. Moritz Kirchner

Potsdam, 07.03.2021