Warum Menschen Klopapier hamstern – Eine semiseriöse Analyse

Es ist ein Phänomen: In vielen Supermärkten ist das Klopapier ausverkauft. Die Hamsterkäufe, welche regelmäßig im Kontext von Krisen entstehen, fokussieren sich gerade in Deutschland stark auf dieses Produkt. In anderen Ländern werden andere Sachen gehamstert, so in Frankreich Rotwein und Kondome. Warum also nun besonders Klopapier gehamstert wird, soll mit Ernsthaftigkeit und Augenzwinkern in folgendem Text analysiert werden. Die Idee und Inspiration dazu stammt von Andrea Johlige, der an dieser Stelle auch der Dank dafür gebührt. Die Erklärung soll mit sechs verschiedenen Hypothesen angeführt werden, die jede für sich eine bestimmte psychologische Rationalität ergeben und in der Zusammenfassung dieses komplexe Verhalten durchaus begreifbar machen können.

Hypothese 1: Der Mensch als Jäger und Sammler

Glauben wir den Forschungen der Frühgeschichte, hat der Mensch schon immer gesammelt, insbesondere auch, um für Krisenzeiten gewappnet zu sein. Und wir sind ja die Nachfahren der Menschen, die Krisen erfolgreich überlebt haben (Buss, 2006). Daher kann dies einfach ein gelerntes evolutionäres Verhalten sein, welches jetzt abgerufen wird. Und ohne Klopapier ist ja die menschliche Existenz ja auch affektiv und hygienisch deutlich schlechter. Das heißt, mit der conservation-of-resources-theory (Hobfoll, 1998) lässt sich das Hamstern von Klopapier durchaus als evolutionär adaptives Verhalten begreifen.

Hypothese 2: Der Mensch als soziales Vergleichswesen

Wir Menschen sind in hohem Maße Vergleichswesen, und wollen uns möglichst von anderen unterscheiden (Reckwitz, 2018; Bourdieu, 1997). In solchen Krisenzeiten ist Klopapier eine begehrte Ressource und wertvoll, ergo ist es Ausdruck von Reichtum. Das Streben danach gab es schon vorher, nur dass es dort dann eben eher um Geld ging. Durch die Transformation von Geld in Klopapier mittels Kaufakt konnte der soziale Vergleich sehr zu den eigenen Gunsten verändert werden, was das Verhalten sehr rational macht. Klopapier schafft also Distinktionsgewinn. Und je mehr Klopapier desto mehr davon.

Hypothese 3: Das Klopapier als Vorbereitung auf den Naturzustand

Es ist ja tatsächlich unklar, was alles in der Krise noch kommen wird. Ebenfalls ist für Menschen nicht absehbar, wie lange die Institutionen funktionieren werden und ob nicht gar die Wirtschaft zusammenbrechen wird (Acemoglu & Robinson, 2012). Wenn dies passiert, könnte es zum Naturzustand kommen, welches von Thomas Hobbes mit folgenden legendären Worten beschrieben wird: „Das menschliche Leben ist einsam, armselig, ekelhaft, tierisch und kurz“ (Hobbes 1992, S. 98). Und zumindest bei vier von fünf dieser Attribute des Naturzustandes könnte Klopapier zumindest für eine Linderung sorgen und damit den scheinbar antizipierten Naturzustand erträglicher machen.

Hypothese 4: Die Verschiebungen innerhalb der Bedürfnispyramide in Zeiten von Corona

Abraham Maslow (Maslow, 1954) hat seine berühmte Bedürfnispyramide postuliert, welche wissenschaftlich sehr umstritten ist, aber für den Alltag immer noch eine ganz gute Richtschnur liefert (Heckhausen & Heckhausen, 2005). Laut dieser stehen ganz unten die physischen Bedürfnisse (Essen, Kleidung, Wohnung, Toilette!), dann das Bedürfnis nach Sicherheit, dann die sozialen Bedürfnisse, dann die Bedürfnisse nach Anerkennung und Geltung und ganz oben dann die Selbstverwirklichung (jedenfalls in westlichen Kulturen; vgl. Staehle, 1999). Das Problem in Zeiten der Coronakrise ist, dass alle Bedürfnisse oberhalb der Sicherheit nur eingeschränkt möglich ist. Insbesondere die üblichen Formen der Geltung durch Arbeit und Selbstverwirklichung durch Kneipen, Festivals, Parties etc. sind auf unbekannte Dauer suspendiert. Folglich ist es psychologisch rational, dass zumindest die unteren beiden Bedürfnisse dauerhaft erfüllt sind, was das Hamstern von Klopapier wieder rational macht.

Hypothese 5: Die psychoanalytische Bedeutung der analen Phase und das Klopapier

Sigmund Freud (Freud, 1911) ging davon aus, dass jeder Mensch eine psychosexuelle Entwicklung durchläuft, innerhalb derer es erst die orale Phase gibt (Muttermilch, nuckeln etc.), dann die anale Phase, in der die Libido durch die Defäkation stimuliert wird, dann die phallische Phase, die mit sexuellen Selbst- und Fremdexplorationen einhergeht (Doktorspiele!), dann die Latenzphase und später die voll entwickelte Sexualität in der genitalen Phase. Dieses Phasenmodell der psychosexuellen Entwicklung geht davon aus, dass Menschen normativ alle Stadien durchlaufen sollten, es aber eben auch zu Fixierungen kommen kann. So wird zum Beispiel das Rauchen als eine Form der oralen Fixierung betrachtet. Demgegenüber ist dann psychoanalytisch das Hamstern des Klopapiers entsprechend ein Indikator einer analen Fixierung. Jedoch könnte es auch schlichtweg sein, dass die Freude an der Defäkation erhalten bleiben soll, welche ohne Klopapier signifikant reduziert wäre.

Hypothese 6: Das Klopapier und die Gesellschaft der Singularitäten

Wir können feststellen, dass der Grad an Egozentrismus sowie die so genannte Ellenbogengesellschaft sehr stark zugenommen haben. Dies hat in starkem Maße etwas mit der Individualisierung der Gesellschaft, aber auch mit der zunehmenden Durchsetzung von Marktmechanismen zu tun, die dafür sorgen, dass wir uns immer stärker als in Konkurrenz zu anderen stehend begreifen (Heitmeyer, 2018). Damit geht häufig einher, dass wir das Leben und die Wirtschaft als ein Nullsummenspiel betrachte. Was ich gewinne, verlieren die anderen, und umgekehrt. Das Problem dieses Denkens ist, dass es statisch ist (es gibt nur die Menge X Klopapier), und es innerhalb dieses Denkmusters durchaus rational ist, vieles zu haben (denn dann bin ich der Gewinner). Befeuert wird diese Tendenz dadurch, dass immer mehr Menschen denken, dass sie selbst etwas ganz Besonderes sind und ihnen deshalb eine besondere Behandlung zukommen sollte (Reckwitz, 2018). Damit einher geht, dass das Leid der anderen (nämlich derjenigen ohne Klopapier) schlichtweg vollkommen ausgeblendet wird, weil nur noch die eigenen Bedürfnisse relevant sind. Das Hamstern ist also auch Ausdruck eines immer stärker um sich greifenden Narzissmus (Wardetzki, 2018), welcher sich durch ein starkes Freund-Feind-Denken, das Denken in Nullsummenkategorien sowie Empathielosigkeit ausdrückt.

Fazit:

Es gibt nicht die eine Erklärung, und das Hamstern ist ein komplexes psychologisches Phänomen. Doch auch wenn es multiple individuelle Rationalitäten dafür gibt, so ist es doch kollektiv irrational und schadet vielen Menschen. Oder, um metaphorisch im Bilde zu bleiben: Klopapier zu hamstern ist einfach Scheiße.

Literatur:

Acemoglu, D. & Robinson, J. (2012). Why nations fail. London: Profile Books.

Bourdieu, P. (1997). Die feinen Unterschiede. Frankfurt am Main. Suhrkamp Wissenschaft.

Buss, D. (2006). Evolutionäre Psychologie. Berlin: Springer Wissenschaft.

Freud, S. (1911). Neuere Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. Wien.

Heckhausen, H. & Heckhausen, J. (2005). Motivation und Handeln. Berlin: Springer Wissenschaft.

Heitmeyer, W. (2018). Autoritäre Versuchungen. Signaturen der Bedrohung. Berlin: Edition Suhrkamp.

Hobbes, T. (1992). Leviathan oder Stoff, Form und Gewalt eines kirchlichen und bürgerlichen Staates. (5. Auflage). Frankfurt am Main: Suhrkamp Wissenschaft.

Hobfoll, S. (1998). Stress, culture an community. New York: Plenum Press.

Maslow, A. (1954). Motivation and personality. New York: Harper & Row.

Reckwitz, A. (20189. Die Gesellschaft der Singularitäten. Berlin: Edition Suhrkamp.

Staehle, W. (1999). Management. (8. Auflage). München: Vahlen.

Wardetzki, B. (2018). Narzissmus, Verführung und Macht. München: Goldmann.

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