Die Psychologie der Lockerung in der Coronakrise

Die Psychologie der Lockerung in der Coronakrise

Der Umgang mit dem Erwartungseffekt

Seitdem die Kontaktsperren verhängt wurden, hat sich das Leben für viele Menschen verändert. Bestimmte, als selbstverständlich angesehene Aktivitäten sind es nicht mehr. Für viele Menschen bedeuten sie auch existenzielle Ängste, und sie können oft ihre Verwandten, insbesondere Väter und Mütter, Omas und Opas nicht sehen. All dies erzeugt enorme Unlustgefühle. Denn wir Menschen sind in starkem Maße Gewohnheitstiere, und wir verlieren sehr ungern etwas. Dazu gehört auch grundlegende Handlungsfreiheit. Dieses Phänomen wird in der Psychologie als Verlustaversion bezeichnet.

Eine Situation, in der etwas unangenehmes wie die Kontaktsperre mit all ihren Konsequenzen von uns weggenommen wird, kann lernpsychologisch als negative Verstärkung bezeichnet werden (vgl. Hasselborn & Gold, 2017). Denn ein grundlegend unangenehmer Reiz wird weggenommen, was für unser psychisches Wohlbefinden sehr gut ist. Wenn zum Beispiel am Wochenende die zu laute Party der Nachbarn endet und man endlich in Ruhe schlafen kann, ist auch das eine negative Verstärkung.

Da also die negative Verstärkung mit Lustgefühlen und Freude verbunden wird, kommt es dann zu einem entsprechenden Erwartungseffekt. Denn durch die Erwartung des zukünftigen Positivem wird das aktuell Negative emotional aushaltbarer. Dieser Erwartungseffekt verdichtet sich jetzt auf den Termin des 20. April, ab dem ja dann ganz neu verhandelt wird. Gerade auch dadurch, dass Österreich jetzt jüngst einen schrittweisen Lockerungsplan vorgelegt hat, wir Menschen in starkem Maße soziale Vergleichswesen (Grasseni & Origo, 2018) sind und Österreich direkt an Deutschland grenzt, wächst jetzt der Druck, dass jetzt auch in Deutschland etwas geschieht. Dem sind allerdings aufgrund der exponentiellen Ansteckung bei einer Pandemie Grenzen gesetzt, so dass sich jetzt für die Regierung folgendes Dilemma auftut: Einerseits muss sie den Erwartungseffekt zumindest teilweise bedienen, weil ansonsten die weitere Akzeptanz und Einhaltung der Pandemiemaßnahmen gefährdet wird. Andererseits kann sie keine umfassende Lockerung veranstalten, weil dann die Zahlen wohl in unverantwortlicher Weise in die Höhe schnellen werden. Es ist also gleichzeitig Erwartungs- und Dilemmamanagement gefragt, was höchste kommunikative Anforderungen an die Regierung stellt (Pörksen, 2019).

Die Gefahr der Gratifikationskrise

Was wir erlebt haben, war eine starke Solidarität durch Konformität. Menschen haben sich mehrheitlich an die Regeln der Kontaktsperre gehalten. Damit sind sie, psychologisch betrachtet, in Vorleistung gegangen und haben wirklich etwas geleistet. Wenn wir Menschen etwas geleistet haben, dann wünschen wir uns dafür eine Anerkennung, ein sichtbares Resultat, eine Gratifikation (vgl. Siegrist, 2015).

Diese haben wir jetzt auch bekommen dadurch, dass das Abflachen der Kurve offenkundig funktioniert hat (Stand: 07.04.2020) und aufgrund dessen ja auch Lockerungen sowie eine zumindest teilweise Rückkehr zur Normalität erwartbar ist. Die Gratifikationskrise ist in Ländern wie Italien, Spanien und Frankreich viel höher, da sie trotz harter Ausgangssperren sehr viele Tote beklagen und die Krankenhäuser manchmal die Praxis der Triage wie in Kriegszeiten anwenden mussten.

Wenn jetzt allerdings die Maßnahmen gelockert werden, dann die Fallzahlen wieder ordentlich ansteigen, und in der Konsequenz dann wieder Maßnahmenverschärfungen eintreten müssen, dann kann sich, nachvollziehbarerweise, ein Gefühl der Vergeblichkeit einsetzen. Dann ist die Gratifikationskrise manifest. Denn offenkundig hätte es sich ja dann nicht gelohnt, wochenlang zu Hause zu bleiben und social bzw. physical distancing zu betreiben. Diese dann erlebte Gratifikationskrise wird allerdings einerseits zu Frustration und gegebenenfalls Aggression führen und somit die sozialen und vor allem die psychologischen Folgekosten (häusliche Gewalt, Depressionen, Suizide) hochtreiben. Andererseits wird allerdings die Konformität zu den verhängten Maßnahmen sinken, weil durch die Gratifikationskrise die kollektive Selbstwirksamkeit sinkt. Also das Gefühl, aus eigenem Handeln heraus die Coronakrise aktiv bewältigen zu können. Dadurch aber wird sich die Pandemie nur noch weiter ausbreiten.

Genau aufgrund dieser wahrscheinlichen psychologischen Kausalkette wird es, wenn überhaupt, nur zu vorsichtigen und schrittweisen Lockerungen kommen.

Shifting baselines als Chance für die Akzeptanz der getroffenen Maßnahmen

Hätte irgendjemand am Neujahrstag gesagt, dass wir (fast) alle bereitwillig auf Bundesliga, Restaurant- und Kinobesuche, den Besuch von Eltern und Großeltern und physische Nähe zu anderen verzichten würden, wochenlang, so hätten wir diese Person wahrscheinlich für verrückt erklärt. Dies hängt aber auch damit zusammen, dass zumindest in unserer Gesellschaft eine Pandemie wie Corona in ihren Ausmaßen vollkommen unbekannt war.

Warum aber gingen solch drastische Verhaltensänderungen in so kurzer Zeit? Weil der Mensch ein Gewohnheitstier ist, und weil er sich mehrheitlich sowohl im Positiven wie auch im Negativen an vieles gewöhnen kann. Das zentrale psychologische Konzept hierbei nennt sich shifting baselines (vgl. Pendry, 2014), sich verschiebende Basislinien und Normalitäten. Was Anfang des Jahres für uns undenkbar war, ist jetzt schon fast normal geworden. Es geht eben nicht mehr der Kneipenbesuch, nur noch Zoomsaufen. Der Mädelsabend findet eben jetzt als Videokonferenz statt. Selbst Schulen schaffen jetzt, in unterschiedlichem Ausmaß, die Digitalisierung. Aus diesem Phänomen der shifting baselines erklärt sich auch, warum diese Maßnahmen tatsächlich mehrheitlich akzeptiert wurden, auch wenn sie hart waren.

Allerdings: Sobald bestimmte Maßnahmen wieder gelockert werden, verschiebt sich die Normalitätslinie wieder dahin. Und das dann zu verlieren, würde wieder als sehr unangenehm erlebt werden und Reaktanz auslösen (Haidt, 2012), das heißt Widerstände gegen Freiheitseinschränkungen.

Differenzielle Fähigkeit zum Belohnungsaufschub und Nachholeffekte

Für Menschen sind die aktuellen Kontaktsperren unterschiedlich schlimm. Extravertierte Menschen, für die der Kontakt zu anderen Menschen ein Lebenselixier ist (vgl. Neyer & Asendorpf, 2018), leiden darunter deutlich mehr als introvertierte Menschen.

Jedoch ist noch eine andere Persönlichkeitseigenschaft, die sehr unterschiedlich ausgeprägt ist, sehr relevant für den Umgang mit der Kontaktsperre und die Zeit danach, nämlich die Fähigkeit zum Belohnungsaufschub (vgl. Welzer, 2019). Diese Fähigkeit bedeutet, dass man für eine spätere Belohnung kurzfristig auf etwas verzichten kann. Je stärker sie ausgeprägt ist, umso besser können Menschen sich in Zeiten der Kontaktsperre regulieren. Jedoch sorgt die Aktivierung der Notwendigkeit der Fähigkeit zum Belohnungsaufschub dafür, dass es dann Nachholeffekte geben wird. Das heißt: Besonders rauschende Parties, besonders viele Treffen mit anderen Menschen ohne physical distancing, viele Restaurantbesuche und Urlaube. Die letzteren Sachen jeweils bei denen, die es sich nach der Krise leisten können. Die jetzige Konformität wird dazu führen, dass bei erneuter gefühlter Normalität für einige Zeit besonders über die Stränge geschlagen werden wird. Vor allem auch, weil wir immer stärker Angst haben, in unserer heutigen Erlebnisgesellschaft etwas zu verpassen (Reckwitz, 2018; Mutz & Kämpfer, 2013)

Verzögerte psychologische Folgewirkungen

Bestimmte soziale und psychologische Folgekosten werden erst mit einiger Zeit nach der Krise sichtbar werden. So können sich psychische Störungen erst später manifestieren, häusliche Gewalt erst verzögert festgestellt werden oder die finanziellen Einbußen sich erst später als so gravierend erweisen, dass Menschen sich etwas antun. Ein Problem hierbei wird allerdings sein, dass die grundlegende gesellschaftliche Stimmung eher freudig ob der überstandenen Krise und der wiedergewonnenen Freiheiten ist. Hier ist es ganz wichtig, dass wir nicht in den selbstreferenziellen Fehlschluss verfallen, dass nur weil es mir nach einer überstandenen Krise gut geht, es automatisch auch meinem Mitmenschen gut geht. Die Krisenfolgen aufzuarbeiten, wird wahrscheinlich Jahre dauern. Und es sind eben nicht nur ökonomische und politische Folgen, sondern auch psychologische und soziale Folgen. Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten werden deutlich an gesellschaftlicher Relevanz gewinnen.

Positive psychologische Folgen der Lockerungen

Wir werden, zumindest für einen bestimmten Zeitraum, nicht mehr alles als selbstverständlich ansehen. Dieser Effekt wird sich allerdings aufgrund des Gewöhnungseffektes wieder abschwächen, bei einigen aber andauernd sein. Die Freude, uns endlich wieder real zu treffen, kann zu einer Stärkung von Verwandtschaftsbeziehungen, Freundschaften und Liebesbeziehungen führen.

Die digitale Selbstwirksamkeit der Menschen, die jetzt erfolgreich Homeoffice gemacht haben, wird gestiegen sein, ebenso der Anspruch auf flexibles Arbeiten. Und ganz wichtig: Die Wertschätzung für verschiedene Berufsgruppen und deren geleistete Arbeit wird steigen. Dazu gehören nicht nur Ärztinnen und Ärzte, Krankenschwestern und Krankenpfleger, sondern auch Erzieherinnen und Erzieher, Lehrerinnen und Lehrer. Denn dadurch, dass jetzt die sogenannte Sorgearbeit (Klammer, 2018), vorwiegend von Frauen geleistet wird, und Menschen jetzt einmal wochenweise in ihrer Lebenswirklichkeit erlebt haben, was sie eigentlich leisten, wird hier die Anerkennung und Wertschätzung steigen.

Vor allem aber wird unsere kollektive Resilienz (Berndt, 2013) gestiegen sein. Wir wissen, was wir aushalten können, dass uns Krisen nicht völlig aus der Bahn werfen. Und dass wir uns mehrheitlich aufeinander verlassen können. Damit birgt die Coronakrise die Chance für ein gesamtgesellschaftliches psychisches Wachstum und individuelle Persönlichkeitsentwicklung.

Literatur

Berndt, Christina (2013). Resilienz. Das Geheimnis der psychischen Widerstandskraft. München: dtv Verlag.

Grasseni, Mara & Origo, Federica (2018). Competing for Happiness: Attitudes to Competition, Positional Concerns and Wellbeing. Journal of Happiness Studies, 7, S. 1981-2008.

Hasselborn, Marcus & Gold, Andrea (2017). Pädagogische Psychologie. Erfolgreiches Lernen und Lehren. Stuttgart. Kohlhammer.

Haidt, Jonathan (2012). The righteous mind. Why good people are divided by politics and religion. New York: Basic Books.

Klammer, Ute (2018). Erfolge, Defizite und zukünftige Anforderungen der Gleichstellungspolitik. WSI Mitteilungen, 6, S. 476-485.

Pendry, Louise (2014). Soziale Kognition. In Jonas, K. Stroebe, W. & Hewstone, M. (Hg.). Sozialpsychologie. Berlin: Springer Wissenschaft. S. 107-140.

Mutz, Michael & Kämpfer, Sylvia (2013). Emotionen und Lebenszufriedenheit in der „Erlebnisgesellschaft“. Eine vergleichende Analyse von 23 europäischen Ländern im Anschluss an die Gesellschaftsdiagnose von Gerhard Schulze. Kölner Zeitschrift für Psychologie und Sozialpsychologie, 65, S. 253-274.

Neyer, Franz & Asendorpf, Jens (2018). Psychologie der Persönlichkeit. Berlin: Springer Wissenschaft.

Pörksen, Bernhard (2019). Die große Gereiztheit. Wege aus der kollektiven Erregung. München: Carl Hanser Verlag.

Reckwitz, Andreas (2018). Die Gesellschaft der Singularitäten. Berlin: Edition Suhrkamp.

Siegrist, Johannes (2015). Arbeitswelt und stressbedingte Erkrankungen. Forschungsevidenz und präventive Maßnahmen. München: Elsevier.

Welzer, Harald (2019). Mehr Zukunft wagen. Zeit für Wirklichkeit – aber eine andere. Blätter für deutsche und internationale Politik, 4, S. 53-64.