Die nicht endende Corona-Pandemie – Eine Dystopie

Die nicht endende Corona-Pandemie – Eine Dystopie

Einleitung: Ein irreversibler Einschnitt

Die Coronapandemie hat Ende 2019 in China ihren Anfang genommen, und seitdem die Welt irreversibel und tiefgreifend verändert. In bestimmten Inselstaaten wie Australien, Neuseeland, Taiwan und anderen ist sie durch strenge Einreisekontrollen und eine Zero-Covid-Strategie halbwegs unter Kontrolle, aber in allen kontinentalen Regionen laufen immer neue Wellen durch. Die AHA-Regeln sind der neue Standard, und er sorgt dafür, dass die Zeiten, wo man sich in geschlossenen Räumen noch persönlich getroffen hat, immer weiter in Vergessenheit geraten. Im Januar 2021 war die britische Mutation in Deutschland nicht mehr aufzuhalten, dann kam die brasilianische und im April 2021 die indische, der dann weitere folgten. Auch historisch wird es eine Einteilung geben in eine präpandemische und eine pandemische Zeit.

Warum die Pandemie nicht beendet werden konnte

In Europa waren alle gespannt darauf, wie im Somme, nach der dritten oder gar vierten Welle, das normale Leben endlich wieder losgeht. Das Problem war jedoch, dass einerseits die Impfbereitschaft zu gering war, und dass andererseits die Mutationen schlicht schneller waren als die Impfstoffherstellung und Verteilung, die Impfkampagne kam an ihre Grenzen (vgl. Neckel: 2021). Es kam zu Mutationen, welche die Wirkung bestehender Impfstoffe in starkem Maße an ihre Grenzen führten. Die Welt zahlt den Preis dafür, dass Länder wie Brasilien zwar autoritärer wurden, aber nicht die entsprechenden Maßnahmen zur Corona-Bekämpfung einführten (Menzel: 2020; von Lucke: 2020). Ebenso zahlen wir den Preis für den Impfnationalismus, denn im ungeimpften globalen Süden verbreitet sich die Pandemie ungebremst (vgl. Aronoff: 2020), und es ist nicht möglich, sich davon komplett abzuschotten, gerade auch weil durch die pandemische Betroffenheit ganz neue Migrationsbewegungen entstehen (vgl. Krastev: 2020).

Das Problem ist jetzt, dass sich das wiederholt, was schon im März geschah, nämlich dass die Maßnahmen nicht ausreichend sind, um die Pandemie zu stoppen. Gleichzeitig aber ist, gerade auch durch den Sommer, der Punkt überschritten, an dem sich viele zügeln. Es setzt sich immer mehr eine „das Risiko muss man halt in Kauf nehmen“ Haltung durch, die zu einem Teufelskreis aus Regelverschärfung und Regelbruch führt. Kanzler Armin Laschet fehlt auch die Überzeugungskraft, daran etwas zu ändern. Hinzu kommt, dass es noch viel mehr Demonstrationen der Querdenker gibt, die sich nicht mehr auflösen lassen, und dass diese bis weit in die gesellschaftliche Mitte hineinwirken. Die ohnehin bestehende Entsolidarisierung in der Gesellschaft (vgl. Reckwitz: 2017) führt nach anderthalb Jahren Pandemie zu einem pandemischen Sozialdarwinismus, bei dem ersten gesagt wird, dass man Tote und Invalidität halt in Kauf nehmen muss, und dass die Leute halt selbst Schuld sind, wenn ihr Immunsystem so schlecht ist. In der Konsequenz ist der Lockdown das neue Normal, auch wenn dieser alles andere als normal ist.

Gratifikationskrise und resultative gesellschaftliche Polarisierung

Das Problem lässt sich psychologisch als Gratifikationskrise festhalten: das tief sitzende Gefühl, dass man so viel entbehrt hat, so vieles nicht getan hat, was man gern getan hatte, dass dies aber nicht angemessen entlohnt wird (vgl. Schaper: 2019). Denn es ist ja immer noch Lockdown. Das aber führt dazu, dass zunehmend auch diejenigen, die sich vernünftig verhalten haben, gegen die Politik und die Maßnahmen wenden, während andere sich von der Politik, der Gesellschaft und den Medien abwenden. Gerade dieses Gefühl der Vergeblichkeit der Anstrengungen und der Sinnlosigkeit der Maßnahmen sorgt dafür, dass die Verbreitung von Verschwörungsmythen eine ganz neue Dimension erreicht (vgl. Vogel: 2020; Butter: 2018). Auch diejenigen, die sich vorher vernünftig verhielten, halten sich jetzt immer weniger an die Maßnahmen Dies aber hält die Pandemie nur weiter am Laufen, weil die Anhängerinnen und Anhänger dessen sich nicht an die Maßnahmen halten, obwohl es Ende 2021 Mutationen gibt, die noch viel gefährlicher sind. Genau deshalb gibt es aber immer öfter Auseinandersetzungen zwischen denen, die sich an die Maßnahmen halten, und denen, die dies nicht tun.

Es kommt immer häufiger zu einem gefühlten oder realen Bekenntniszwang, sich einem der beiden Lager zuzuordnen. In den sozialen Netzwerken schotten sich beide Lager immer weiter ab, es entstehen sich kaum noch überlappende Filterblasen, und fast jede Diskussion ist geprägt von einer großen Gereiztheit (Pörksen: 2019). Wir können kaum noch miteinander sprechen, ohne uns zu beleidigen, oder abzuwerten. „Covidiot“, „Systemknecht“ „Regierungssklave“ und „Aerosolmörder“ sind Begriffe, die auch unter eigentlich vertrauten Menschen immer öfter fallen.

Manifeste Spaltungen

Der Ende Mai 2021 eingeführte Impfpass der EU hat sich zwar durchgesetzt. Allerdings entwickelt, zunächst heimlich, später ganz offen, eine Infrastruktur, die sich insbesondere an Coronaleugner*innen, Impfskeptiker*innen und Verschwörungstheoretiker*innen bedient. Es gibt Kneipen, bei denen vorne dran steht: „Hier kommt man auch ungeimpft rein“. Die BILD-Zeitung holt Julian Reichelt nach entsprechender Abklingzeit zurück, und dieser erkennt, dass dieses knappe Drittel der Gesellschaft genau seine Klientel ist, und BILD TV wird das deutsche Fox News, und genau damit steuern wir auf eine gesellschaftliche Polarisierung amerikanischen Ausmaßes hin.

Bundespräsident Steinmeier beklagt, dass wir zunehmend nicht mehr in der gleichen Realität leben (vgl. Pörksen: 2019) und es eine zunehmende Lagerbildung ohne gegenseitiges Verständnis gibt (Zorn: 2019), aber wird dafür im Netz von der gut organisierten Szene verhöhnt. Die AfD fährt ihren Kurs als parlamentarischer Arm der Querdenker konsequent weiter. Und dadurch, dass immer mehr Menschen am Ende ihrer Kräfte sind, bankrott oder einfach nur noch Öffnungen wollen, geht sie mit mehr als 20% der Stimmen am 26. September über die Ziellinie der Bundestagswahl. Dadurch wird das Klima und der gesellschaftliche Diskurs nur noch rauer. An der Anhängerschaft der AfD prallen alle Appelle und Maßnahmen ab, da diese sich direkt mittels Twitter, Youtube und Telegram mit den Informationen versorgen, die sie hören wollen. Dadurch kommt es zu immer mehr körperlichen Übergriffen, und bei den jedes Wochenende stattfindenden illegalen Demonstrationen gegen die Maßnahmen gibt es viele Verletzte und leider auch Tote zu beklagen.

Leider wird auch jede Familienfeier zur Tortur. Erstens kann sie nur im begrenzten Rahmen stattfinden, da ja immer noch Maßnahmen gelten. Zweitens gibt es immer wieder den Vorsatz, nicht über Corona zu sprechen, was aber nach zwei Bier nicht mehr haltbar ist. Viele Freundschaften und Beziehungen zerbrechen, weil immer mehr Menschen tief in der Verschwörungsideologie drin sind.

Der ökonomische Niedergang

Olaf Scholz hat die Bazooka rausgeholt, aber sie hat nicht ausgereicht. Besonders betroffen ist die Hotel- und Gastronomiebranche sowie der gesamte Kulturbereich, in dem hunderttausende arbeitslos werden. Nachdem Ende 2021 die Ausnahmeregelungen für Insolvenzen aufhören, gibt es Massenpleiten Anfang 2022 und eine entsprechende Massenarbeitslosigkeit, die zu einem sich selbst verstärkenden Abschwung führt. Leider ist inzwischen die Verschuldung so hoch geworden, dass kaum noch gegengesteuert werden kann. Es kommt simultan einerseits zu einer Konsumzurückhaltung aufgrund der Unsicherheit, andererseits zu Konzentrations- und Produktivitätsverlusten, da das dauerhafte Home-Office die Menschen ermattet.

Die nervige Nostalgie und der Werther-Effekt

Es werden zunehmend die guten alten Zeiten beschworen, in denen man noch „ausgelassen feiern“, „richtig studieren“ und „maskenfrei“ sich bewegen konnte. Dass auch damals schon gemeckert wurde, wird einfach ausgeblendet. Gerade die jüngere Generation, die das Gefühl hat, dass ihr einfach mal das Leben genommen wird, ohne dass sie dafür etwas kann, ist zunehmend genervt, teils auch verzweifelt. Es kommt zu einem handfesten Generationenkonflikt, da die jüngeren es nicht mehr hören können, wie schön damals alles war.

Gleichzeitig wird diese Nostalgie immer häufiger zu einer Melancholie, denn wenn sie bei Bier, Wein und Schnaps beschworen wird und gleichzeitig das Gefühl da ist, dass sie nie mehr wiederkommt, zieht das die Menschen richtig runter. Die Prävalenzraten von Depressionen, Angststörungen und Burnout, die sich eh schon massiv erhöhten, steigt nur noch weiter. Da das Gefühl sich immer weiter ausbreitet, dass „die guten alten Zeiten“ nicht wiederkommen, suchen und finden immer mehr Menschen den Freitod. Das wiederum führt, wie schon damals bei Goethes „Die Leiden des jungen Werther“, der auch massive Nachahmungseffekte nach sich zog, dass es fast genau so viele Suizide wie Coronatote gibt.

2022, das neue 2016.

Im Jahr 2016 hielt die Welt den Atem an. Vorher der Brexit, dann aber die Wahl Donald Trumps. Es begann in der Politik das, was später als „Die große Regression“ (Geiselberger: 2017) bezeichnet wurde. Man konnte sich nicht vorstellen, dass so etwas noch einmal geschieht, aber 2022 ist es soweit. Den Auftakt macht der Wahlsieg von Marine Le Pen und ihrem Rassemblement National. Sie setzt als erste Amtshandlung ein Referendum über den Verbleib Frankreichs in der EU ein. Dafür wird zwar gestimmt, jedoch ist die EU seitdem massiv blockiert, und Polen und Ungarn haben einen neuen, mächtigen, autoritären Verbündeten. Dadurch, dass auch die USA von den Mutationen nicht verschont bleiben, feiert Donald Trump seine Wiederauferstehung, und die Mid-Term-Elections gehen für die Demokraten verloren. Seitdem sind die USA vollkommen politisch blockiert.

Es kommt zu massiven Migrationsbewegungen, und zu Schüssen und Pushbacks an den europäischen Außengrenzen. In vielen Staaten der Welt gewinnen rechtspopulistische Regierungen mit dem Versprechen, die Migranten draußen zu halten und die Maßnahmen zu beenden. Sie vernetzten sich zusammen mit Jair Bolsonaro aus Brasilien und Rodrigo Duterte zu einer neuen Internationale der Autoritären. Es zeigt sich auch im globalen Maßstab ganz deutlich, dass die politische Decke der Zivilisation dünn ist.

Das Grundgefühl: Ein andauernder Alptraum

Entscheidend für die Gemütslage aber ist das Gefühl, nämlich jenes, dass die Pandemie ein Alptraum ist, aus dem man nur einfach nicht mehr aufwacht. Man kann gar nicht mehr den Fernseher anmachen, will nichts mehr hören und sehen. Teils entstehen anarchische und bürgerkriegsartige Zustände, ob in Zügen oder Supermärkten. Es wird geprügelt, geplündert und gepöbelt, und neben der Angst vor der Ansteckung ist da eine immer größere Angst vor den Mitmenschen. Jean-Paul Sartres Satz „Die Hölle, das sind die anderen“ gewinnt ganz neue Plausibilität. Es ist der Wunsch da, dass all dies einmal aufhören möge. Aber es wird immer deutlicher: Mit einem Virus lässt sich nicht verhandeln. Es möchte sich einfach nur immer weiter verbreiten. Und deshalb mutiert es.

Dies ist eine der möglichen Zukünfte. Persistente Pandemie statt Postpandemie.

Literatur

Aronoff, Kate (2020). Corona, Klima, Schulden. Die dreifache Krise des globalen Südens. Blätter für deutsche und internationale Politik, 6, S. 51-56.

Butter, Michael (2018). „Nichts ist, wie es scheint“. Über Verschwörungstheorien. Berlin: Edition Suhrkamp.

Geiselberger, Heinrich (2017). Die große Regression. Eine internationale Debatte zur geistigen Situation der Zeit. Berlin: Edition Suhrkamp.

Krastev, Ivan (2020). Ist denn heute schon morgen? Wie die Pandemie Europa verändert.

Menzel, Ulrich (2020). Der Corona-Schock. Die finale Entzauberung der Globalisierung. Blätter für deutsche und internationale Politik, 4, S. 37-44.

Neckel, Sighard (2021). Im Angesicht der Katastrophe. Der nahende Zusammenbruch des Erdsystems und die sozial-ökologische Transformation. Blätter für deutsche und internationale Politik, 2, S. 51-58.

Pörksen, Bernhard (2019). Die große Gereiztheit. München: Hanser

Reckwitz, Andreas (2017). Die Gesellschaft der Singularitäten. Berlin: Edition Suhrkamp.

Schaper, Nicolas (2019). Wirkung der Arbeit. In Nerdinger, Friedemann/Blickle, Gerhard/Schaper, Nicolas (Hg). Arbeits- und Organisationspsychologie. Berlin: Springer Wissenschaft. S. 573-600.

Vogel, Steffen (2020). Apokalypse und Antihumanismus: Von der Popkultur zum Verschwörungsmythos. Blätter für deutsche und internationale Politik, 6, S. 80-86.

Von Lucke, Albrecht (2020). Demokratie in der Bewährung. Weltkrieg versus Corona, Politik im Ausnahmezustand. Blätter für deutsche und internationale Politik, 5, S. 89-96.

Zorn, Daniel-Pascal (2019). Logik für Demokraten. Eine Anleitung. Stuttgart: Klett-Cotta.